Akkorde und Disharmonien – Rezension zu „Die Grasharfe“ – Truman Capote

By | 29. Juli 2017

Akkorde und Disharmonien - Rezension zu "Die Grasharfe" – Truman Capote„Über was man spricht, darauf kommt es kaum an, nur auf das Vertrauen, mit dem es gesagt wird, und auf das Wohlwollen, mit dem es aufgenommen wird.“ (S.319)

Zum Inhalt:

Collin Fenwick ist mittlerweile erwachsen. Und an einigen der Erlebnisse, die ihn trotz seines Handicaps als Waise aufzuwachsen, zu dem machten was er heute ist, lässt er den Leser in einer Art Retrospektive teilhaben. Zusammen mit seiner Tante Dolly sowie einer alten Schwarzen namens Cathrine Creek setzt er einen „Ausbruch“ aus dem Korsett an Bevormundungen seiner zweiten Tante Verena – Dollys Schwester – in die Tat um: sie ziehen in ein Baumhaus in einem riesigen Paternosterbaum im Wald Nahe des Friedhofes. Zu den drei Ausgegrenzten gesellen sich noch der ältere Richter Cool, sowie der Nachbarsjunge Riley Henderson, den Collin wie einen Helden bewundert.
In der kurzen Zeit in der die kleine Gruppe sich in ihrem selbstgewählten luftigen Exil näher kommt, gelingt es ihnen nicht nur kostbare Momente des Einklangs miteinander, der Natur und ihrer Herkunft zu finden. Sie ziehen daraus auch die Stärke als eine Enklave von Nonkonformisten erfolgreich dem Pulk an linientreuen Bürgern ihres kleinen Städtchens entgegenzutreten, als diese sie mit Hilfe des Sheriffs zur Räson bringen wollen – nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Beweggründen und verletztem Stolz.

Fazit:

Truman Capote galt spätestens seit dem erscheinen seines Romanes „Andere Stimmen, andere Räume“ als literarisches Ausnahmetalent. Mit „Die Grasharfe“, deren Handlung er in einer südlichen Kleinstadt der USA ansiedelt, spielt er in den Charakteren von Collin und Riley unübersehbar auf Huckleberry Finn und Tom Sawyer an, wobei dies nur ein Nebenstrang einer Handlung ist, die nicht die Symbolik des vorigen Romans bemüht. Vielmehr ist „Die Grasharfe“ bei aller offensichtlichen Schicksalsschläge der Akteure in ihrer Grundstimmung „hell und heiter. Hier bedeutet denen die sie [die Traumwelt] aufnimmt, Befreiung von einer materialistisch gesinnten Umwelt, in der Poesie, Naturverbundenheit und liebevolles Verständnis von Mensch zu Mensch verkümmert sind.“ 1)

Ein Sich-Einfinden in eine Welt der Erwachsenen mit ihren gesellschaftlichen Regeln und Fallstricken, den wirtschaftlichen Zwängen und der oft schicksalshaften Bestimmtheit des Lebensweges prägt Collin, der aus seiner jugendhaften Sicht versucht eben dieses Regelwerk zu verinnerlichen. Trotz der Gewichtigkeit der Grundaussagen der Erzählung gelingt es Capote einen feinsinnigen, teils melancholischen Text zu weben, der Mit-Erleben, Mit-Leiden und Mit-Hoffen lässt. So schreibt der New York Herald Tribune: »Durchsetzt mit zartem Lachen, einnehmender menschlicher Wärme und einem Gespür für das Gute im Leben.«

Zum Buch:

Das hier besprochene Buch ist Teil der „Bibliothek Suhrkamp“ und bereits die äußere Gestaltung mit stabilen dunkelgrünen Buchdeckeln, umschlossen von einer schlicht gestalteten Schutzhülle, einem solide gebunden Buchblock, dem im selben Grün gehaltenen Lesebändchen und der angenehmen Größe und Haptik, versprechen – und halten – ein bibliophiles Lesevergnügen. Typografisch treten nur die Initialen am Kapitelbeginn hervor. Ansonsten hält sich der ausgezeichnete Druck zurück und lässt den Inhalt wirken. Dieser gestalterische Minimalismus unterstreicht auf seine Weise angenehm den schlichten Tiefgang der Erzählung.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Grasharfe“
  • Autor: Truman Capote
  • Umfang: 214 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-518-01062-X
  • Größe: 11,7 x 18 x 2,3 cm

Quelle:

1.) „Kindlers Neues Literaturlexikon“, Bd. 3, 1988/1998, S.614).

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