Being Jan Lehmann…

By | 1. März 2015

"Wie ich aus Versehen eine Bank ausraubte" - Simon Bartsch„… für mich gehören sie einfach zu Laura dazu und ich wäre traurig, wenn sie die richtige Medizin gegen diese Krankheit bekommen würde.“ (S.233)(1)

Zum Inhalt: Jan Lehmann hat seine ganz eigene Sicht auf die Welt. Die Welt um ihn herum hat auch ihre eigene Sicht auf ihn, und die ist nicht die schmeichelhafteste: er ist nicht die hellste Birne im Leuchter. Jan’s offene, liebenswerte, kindhafte Art die Geschehnisse um sich herum zu sehen bringt ihn „aus Versehen“ in eine Situation, in der er dem ihm eigenen Moralkodex folgend in einen Strudel von Ereignissen gezogen wird, der mit einem recht unspektakulären Bankraub beginnt. Die anschließende Reise – oder ist es eine Flucht (?) – quer durch Europa beschert Jan ein Kaleidoskop an neuen Erfahrungen und „Freunden“ unterschiedlichsten Couleurs. Letztere bringen ihn mehr als nur einmal in prekäre Situationen, wobei einzig Laura ihm ein Fels in der Brandung und eine Verbindung zur „normalen“ Welt scheint. Als sie jedoch plötzlich aus seinem Leben verschwindet, bricht für Jan ein Teil seiner Selbst weg und sein Weg nach Hause ist weder einfach noch angenehm, denn dort erwartet ihn jene Realität, welcher wir als die Normalität wahrnehmen…

Fazit: Simon Bartsch nimmt den Leser mit auf eine Reise aus der Ich-Perspektive des geistig retardierten Jan Lehmann. Die Story rund um den Bankraub ist dabei zwar eine Art Initialzündung, ein Ankerpunkt, ein Einstieg, jedoch führt der Hasenbau noch viel tiefer in die innere Welt Jan Lehmanns. Die staccatoartigen, einfachen kurzen Sätze, simple nachvollziehbare Moralkonstrukte, naive optimistische Grundhaltung und eine schier unerschütterliche Loyalität prägen einen, auf traurig rührselige Art und Weise sympathischen Antihelden. Und doch ist es genau diese präpotente Schubladisierung, gegen die Simon Bartsch ein- aber nicht auf-dringlich anschreibt. Das Doppelgestirn um welches sich die Handlung dreht – die am Tourette-Syndrom erkrankte Laura und der debile Jan Lehmann – arbeitet er meisterhaft heraus, ohne voyeuristisch zu sein. Jan gewährt dem Leser einen Blick auf die Welt nicht wie er sie sieht, sondern vielmehr wie sie auch gesehen werden kann…
Die Erzählung ist an manchen Stellen zugegebenerweise etwas langatmig, entspricht in keinster Weise dem gängigen Klischee von Spannung, den der Titel suggerieren könnte, aber sie ist eine jener Geschichten, die berühren und den eigenen Standpunkt, den eigenen Blickwinkel hinterfragen lassen, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu moralisieren. Ausgesprochen lesenswert, jedoch bedarf es eines gewissen Maßes an Ausdauer und v.a. des Willens sich auf das Abenteuer einzulassen die Realität grundlegend anders wahrzunehmen…

Buchdaten:

  • Titel: „Wie ich aus Versehen eine Bank ausraubte“
  • Autor: Simon Bartsch
  • Ausgabe: 240 Seiten (PDF)
  • Verlag: Feuerwerke Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-945362-06-8
  • Größe: 1,4 MB

P.S.: Für dieses liebevolle Roadmovie konnten der Verlag und Simon Bartsch den InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom gewinnen.10% des Erlöses kommen dem Verband zugute.

(1) Die Seitenangaben beziehen sich auf die PDF Ausgabe

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