Blickwechsel…

By | 31. August 2012

"Der lange Weg zum Blauen Stern. Phantastische Geschichten" - Hrsg.: Michael Szameit„Ich hab mal gelesen, Erinnerungen wären wie Fliegen auf einem Kuchen. Verjagen könne man sie allemal, aber wenn man sie totschlüge, wäre auch vom Kuchen nicht mehr viel übrig.“ („Die Wiese„S.36)

Zum Inhalt: .

„Sonnenwende“ (Thomas Fröhlich): Ein eisiger Außenposten, eine heillos überbevölkerte Erde, eine Familie mit einem nicht genehmigten Kind und ein verschollen geglaubter Siedler, der einst auf eben diesem Posten seinen Dienst versah. Aus diesen Ingredenzien zimmert der Autor eine beklemmende Vision der zukünftigen Erde, in der trotz innerer, menschlicher und äußerer, planetarer Kälte, Mitgefühl seitens eines Gesetzlosen wie ein wärmendes Leuchtfeuer Hoffnung schafft.

Hilfe für Shrado (Thomas Höding): Man wird an Kafkas „Schloß“ erinnert, verfolgt man die Machtlosigkeit des Protagonisten gegenüber einer übermächtigen Institution – RUNZ (Referat für Unterentwickelte Zivilisationen) genannt – deren einziges Bestreben, entgegen ihrer eigentlichen Aufgabe, darin besteht, dass Untergebene ihren Vorgesetzten Berichte aushändigen können, welche ein möglichst vorteilhaftes Licht auf sie zurückwerfen. Auf der Strecke bleiben dabei ganze Zivilisationen deren scheinbare Unterentwicklung auf dem schnellsten Wege zu korrigieren ist… auch wenn sie dadurch zerstört würden.

Die Wiese (Uwe Rieger): Begegnungen können einen Menschen verändern. Dies erlebt auch der Erzähler, als er seinen Exkumpanen Carsten Winkler in dessen Wohnung besucht. Er begegnet dort einer alten Bekannten, die auf ebenso dunklen wie illegalen Pfaden ihren Weg dorthin gefunden hat: Der Wiese. Zwischen ihr und Carsten hat sich eine Symbiose entwickelt, die nicht dazu angetan ist, die Gastfreundschaft länger als unbedingt nötig in Anspruch zu nehmen.

Sumpfmeister (Carsten Hohlfeld): Überschätzung – das ist die größte Sünde, die man dem Jüngern anlasten konnte. Das dachte sich auch der Ältere und vertraute darauf, dass der Sumpf einer der besten Lehrmeister war. Die Frage war nur ob der jüngere die Lektion überleben würde.

Biertischgeschichten (Uwe Rieger): Was sich als nette Stammtischanekdote präsentiert, könnte doch… aber nein. Das wäre doch zu absurd, solche Geschichten sind nur alkoholgeborene Fantastereien, die aus Tabaknebel auftauchen, um wie dieser wieder zu vergehen… aber der kleine Dorn in den Gedanken bleibt… es wäre doch möglich, dass… . Damit spielt Rieger in dieser Geschichte virtuos, mit der Realität der Unwahrscheinlichkeiten.

„Das selbststabilisierende System“ (Axel Wolf): Eine einfache Überprüfung seitens des Beobachters sollte es werden, eigentlich reine Routine. Es ging um einen Zwischenfall mit Californium – zumindest offiziell. Als dieser Beobachter jedoch Fragen zu stellen beginnt, die unangenehm werden und ein Attentat auf ihn scheitert, greift man zu subtileren Methoden. Und immer wieder taucht das Rauschgift Suphok auf, in Gesprächen, in Gedanken, in Erinnerungen in … einer perfiden, hinterhältigen und ebenso alltäglichen Form, die einem Unvorsichtigen zum Verhängnis werden kann… weitaus schlimmer als der Tod bei einem Attentat.

„Unter der Kruste“ (Mario Ulbrich): Kafkaesk – so könnte man die Geschichte mit Fug und Recht nennen. Hochstetter, seines Zeichens ein Tyrann wie er im Buche steht, findet sich nach einem Blackout während einer Flugreise in der Welt der Kratzer, Schleimer und ähnlicher unangenehmer Rüsseltiere wieder, die von ihrer Verhaltensweise und Gesellschaftsstruktur sehr stark an die Vogonen („Per Anhalter durch die Galaxis“) erinnern. Nach einer Odyssee durch deren Reich und seiner vermeintlich geglückten Flucht sieht er sich jedoch aufgrund bürokratischer Hürden, die sich seinem Einfluss zur Gänze entziehen, in einer Zwischenwelt wieder, die alles andere als erstrebenswert scheint…

„Die Brücke von Port Saints“ (Juliane Bobrowski): Wirklich wichtige Projekte erfordern Opfer. Manches Mal verlangen sie das größte aller Opfer. Diese Erfahrung macht auch der Architekt einer regionenverbindenden Brücke. Doch ist sein Bauwerk nicht nur eine Brücke im architektonischen Sinne, ein Gebilde aus Stahl, Beton und Asphalt. Diese Brücke lebt, weil jemand ein Opfer gebracht hat. Und sie schützt diejenigen, die sich ihr in ihren alltäglichen Wegen anvertraut haben.

„Black Box“ (Gerd Frey): Lässt sich ein Bewußtsein konservieren, unabhängig vom Körper. Wenn ja, wie würde sich dies für den Bewußtseinsinhaber  anfühlen? Wie weit wäre dieser der Willkür der Operatoren allfälliger Maschinen ausgeliefert, in welchen diese Bewußtseinszustände aufbewahrt wären.

„Weihnachten“ (Hardy Kettlitz): In ihrer düsteren befremdlichen Art geht die Erzählung der Frage nach: Was machen wir, wenn die reale Umwelt trist, hoffnungslos und für den Einzelnen unerträglich wird? Die Antwort ist gar nicht so weit von der Medienkonsumwelt unseres täglichen Erlebens entfernt. Es gibt sogar einen Begriff dafür: Eskapismus.

„Ein Fall von nächtlicher Lebensweise“ (Karsten Kruschel): Eine kleine Derangiertheit, der Verlust eines Dokumentes, das Zusammentreffen mancher nichtiger Widrigkeiten, die für sich genommen nur ein Lächeln auf das Gesicht des Protagonsiten gezaubert hätten; das sind die Ingredenzien aus denen Karsten Kruschel eine Geschichte entwickelt, die sich so oder so ähnlich durchaus in nicht so weit entfernter Zukunft bewahrheiten könnte. Oder etwa nicht? Ist es nicht unsere Gesellschaft, die zusehend mehr auf chirurgisches Blendwerk, stereotype Lebensweisen und phantasietötenden Konsum Wert legt?

„Das Haus“ (Frank Geißler): Ein wenig erinnert die Handlung an die Filme „Cube“ und „Lost Future„: versprengt lebende, in Gruppen „organsierte“ Überlebende, versuchen in einer zusehends  dem Zerfall unterliegenden Umgebung, welche sie „das Haus“ nennen zu überleben. Im Kampf um Medizin, Nahrung und sicheren Raum bleibt Vernunft, Menschlichkeit und vor allem Hoffnung dabei auf der Strecke.

„Der hohe Berg des Prinzen Ragnar“ (Mario Ulbrich): Das Scheitern des Einzelnen an der Bürokratie, so lauter und rechtschaffen seine Motive auch sein mögen, thematisiert diese Kurzgeschichte. Allerdings endet sie bei weitem nicht so amüsant,wie die Anekdote von Asterix und Obelix in „dem Haus das Verrückte macht„.

„Neugier“ (Hans-Peter Höschel): Neugier ist etwas sehr Positives. Diese Aussage würden viele bejahen. Doch was, wenn diese Neugier plötzlich die Eigenschaft von semiintelligenten Baumaschinen, sogenannten Grabern, wäre? Keine Angste es ist keine dieser Geschichten, in denen sich der Homunkulus gegen seinen Schöpfer wendet. Nein, die Antwort ist viel tiefgründiger, weniger offensichtlich, nichts desto weniger aber hochbrisant.

„Der auszog, einen besseren Vater zu finden“ (Sonja Voß-Scharfenberg): Wenn eine der archaischsten Formen der Liebe, jener der Eltern zu ihren Kindern, den ursprünglichen Gegenstand ihrer selbst aus den Augen verliert und letzten Endes in einer mechanistischen  Gesellschaft endet, die sogar Gevatter Tod exiliert, bleibt ein soziales Wesen wie es der Mensch ist auf der Strecke… zwangsläufig.

„Der Segler“ (Thomas Höding): Wie definiert sich Leben, wie entsteht es… und wenn es einmal da ist, real, mitten in den abgrundtiefen Leeren des Raumes, was folgt dann? Erfüllt sich Sein nicht erst im Dialog mit seinesgleichen ganz egal, ob es Äonen dauert dieses Gegenüber zu finden. (Die Nomenklatur dieser Kurzgeschichte erinnert, nur nebenbei erwähnt, sehr stark an jene der Perry Rhodan Erzählungen).

Nachwort: Warum erwähne ich dieses Kapitel: Selten habe ich eine profundere, leidenschaftlichere und zugleich klarere Auseinandersetzung mit dem Genre SF im deutschsprachigen Raum gelesen, als dieses auch stilistisch einzigartige Nachwort. Im speziellen wird der Fokus verständlicherweise auf Entwicklungen in der DDR  gelegt, die Kernaussagen sind jedoch von übergreifender Gültigkeit.

Fazit: Hervorragender, fesselnder SF-Stoff, der für jeden etwas bereit hält. Absolut lesenswert.

Zum Buch: Es gelingt dem Herausgeber Michael Szameit eine Zusammenstellung erstklassiger SF-Kurzgeschichten zu präsentieren, die einen breiten Fächer an Ideen, Psychogrammen, Handlungssträngen und Subgenres repräsentieren, ohne dabei zerfahren oder gar willkürlich zusammengewürfelt zu erscheinen. Ungeachtet dessen, dass jede Erzählung ihr eigenes tiefgründiges Universum entwirft, fügen sich die einzelnen Leseerlebnisse organisch ineinander, einen Reigen bildend, der den Leser immer wieder aufs neue in seinen Bann zieht. Allen SF-Freunden seien die Kurzgeschichten ans Herz gelegt, nicht zuletzt, weil einige der Autoren auch in der aktuellen SF-Szene beachtenswerte Akzente setzen. (z.B. „Vilm“ und  „Galdäa„)

Buchdaten : Die Verleimung des Buchblockes ist eher mäßig, ebenso wie die Papierqualität. Erstaunlich ansprechend und gut geraten sind jedoch sowohl das Schriftbild, als auch die Druckqualität der Bilder. Letztere passen ausgezeichnet zu den einzelnen Erzählungen, deren Grundtenor durch die schattenhaften Sujets manche Mal noch dezent unterstrichen wird.

  • Titel: „Der lange Weg zum Blauen Stern“
  • Herausgeber: Michael Szameit
  • Broschiert: 221 Seiten
  • Verlag: Neues Leben
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 9070677261
  • ISBN-13: 978-9070677268

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