Das andere Ich…

By | 18. Oktober 2015

"Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde" - Robert Louis Stevenson„Das Leben war schön, und ich habe es geliebt. Doch manchmal denke ich, wenn wir alles wüßten, müßten wir eigentlich froh sein, es zu verlassen.“ (S.35)

Zum Inhalt: Während eines sonntäglichen Spaziergangs mit seinem Freund Richard Enfield entspinnt sich zwischen dem Notar Gabriel Utterson und Enfield ein Gespräch über ihre irritierende Begegnung mit dem höchst eigentümlichen Mr. Hyde. Nicht nur dessen gnomenhafte Erscheinung, sondern auch seine alptraumschaffende Ausstrahlung lassen jede Erinnerung an ihn zu einem gedanklichen Ausflug in die übelsten Regionen der menschlichen Abgründe werden. Die Nachforschungen Uttersons über Herkunft und sozialen Hintergrund Hydes bewegen den akribischen Notar und führen ihn immer dringender zu einem Verdacht, dessen Tragweite er sich selbst nur höchst widerwillig einzugestehen bereit ist.
Ein Mord in den Hyde verstrickt ist lässt die Handlung kulminieren und auch der Tod eines Freundes, Dr. Lanyons, verdichtet die Hinweise derart, dass stets wieder ein Name fällt: Dr. Jekyll. Als Mediziner, ausgesprochener Menschenfreund und integre Person war es stets Jekylls Ziel ein moralisch über jeden Zweifel erhabenes Leben als geachtetes Mitglied seiner Freundesriege und der bürgerlichen Gesellschaft zu führen. Sich seiner Verantwortung gegenüber weniger begüterten und vom Glück verwöhnten Mitmenschen bewusst, war seine hilfsbereite, ruhige Art geschätzt und vielseitig gelobt.
Der schwärende Dorn in seiner Seele war niemandem bekannt: Sein Forschen nach dem von Gewissen und Moral unterdrückten alter ego, dem er letztendlich über den Weg zahlloser wissenschaftlicher Experimente zum nicht nur sprichwörtlichen Durchbruch verhelfen konnte, indem er Hyde (s)einen Körper lieh. Das egomanische Wachsen der von jedweder moralischen Gewissenhaftigkeit losgelösten Kreatur des Hyde und die demgegenüber zunehmende Hilflosigkeit des Dr. Jekyll findet ihren tragischen Abschluss im Freitod des Mediziners und dem Zurücklassen eines Kreises höchst verstörter Freunde, die ihrem Kameraden trotz wiederholter Versuche nicht helfen konnten.

Fazit: Die Erzählung Stevensons wurde unzählige Male interpretiert, verfilmt, gedeutet und kann jedenfalls als Klassiker in der Auseinandersetzung gelten, die sich mit dem Guten und dem Bösen im Menschen als sozialem Wesen findet. So sieht Malcolm Elwin die Erzählung etwas weiter greifend als „…gewagte Satire auf die bürgerliche Ehrbarkeit.“1) Die moralphilosophische Frage, ob Gutes ohne Böses et vice versa in ein und demselben Individuum lebensfähig wäre wird in Stevensons Text keinesfalls vereinfachend eindeutig beantwortet, denn eine Überwindung der Versuchung sich seines Gewissens zu entledigen und dem triebhaften Hyde den Vortritt zu lassen, stünde Jekyll sehr wohl zur Verfügung. Der fatale Irrglaube sein triebhaftes alter ego im Griff zu haben („…: in demselben Augenblick da ich es will, kann ich Mr. Hyde los sein.“ (S.22)), sowie das „fast krankhafte Schamgefühl“ (S.63) über das Scheitern lassen Dr. Jekyll nur den Ausweg im Freitod sehen. „Mit jedem Tag, und zwar sowohl von der moralischen als von der intellektuellen Seite meines Denkens aus, geriet ich der Wahrheit näher, deren teilweise Entdeckung mich so furchtbar Schiffbruch hat leiden lassen: nämlich, daß der Mensch in Wahrheit nicht einer ist, sondern tatsächlich zwei.“ (S.63)

Zum Buch: Die 5 Bünde der 82 Seiten sind in stabiler Fadenheftung als Buchblock zusammengefasst. Die für die Ausgaben der Inselbücherei typisch individuelle Realisierung der Buchdeckel spiegelt auch farblich den Grundton der Erzählung wieder und erzeugt ein in sich stimmiges, ästhetisch sehr hübsches Buch. Aus dem englischen Übertragen wurde der Text von Grete Rambach und gesetzt in der Linotype-Aldus-Buchschrift, deren leichte Lesbarkeit dem Text zugute kommt.

Buchdaten:

  • Titel: „Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr Hyde“
  • Autor: Robert Louis Stevenson
  • Umfang: 82 Seiten
  • Verlag: Insel-Bücherei (1955)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 13,2 x 0,9 cm

1)  Kindlers Literatur Lexikon Bd.15, S. 995

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