Das Bild im Spiegel

By | 6. Juni 2016

"Dem Abgrund so nah" - Jessica Koch„Wenn er es schaffte seine Seele zu schützen, dann hatte er gewonnen.“ (S.64)

Zum Inhalt: Danny, dem Leser aus dem ersten Teil der Trilogie bekannt, sieht sich mit seiner Familie nach dem Umzug nach Deutschland mit einer völlig neuen Umgebung, einem Land mit teils schrägen Gewohnheiten und Ritualen, neuem Schulsystem, sowie gänzlich neuen Menschen konfrontiert. Seine anfängliche Frohnatur, der unbändige Lebensübermut und kindliche Leichtigkeit lassen ihn diese Welt erobern, ohne damit sonderliche Schwierigkeiten zu haben. Diese beginnen als sein Vater zusehends mehr dem Alkohol verfällt, vor Gewalt gegenüber seiner Familie nicht mehr zurückschreckt und in alte zerstörerische Verhaltensmuster zurückfällt, von denen er selbst glaubte sie überwunden zu haben.
Danny, der sich in kindhafter Vorstellung als Auslöser, wenn nicht gar Verursacher, dieser verheerenden Entwicklung wähnt, verliert sich mehr und mehr in dem Wettlauf um elterlicher Bestätigung, der Suche nach Richtig und Falsch in einer derangierten Welt, in der es einzig und allein um’s nackte Überleben geht – sowohl im eigentlichen, wie auch im übertragenen Sinne. Es sind nur wenige handverlesene Menschen, denen Danny zur richtigen Zeit begegnet, die ihm einen Anstoß in eine positivere Richtung geben, einen liebenden Satz äußern, eine ehrliche Zuwendung teilen, die seinen Lebenspfad prägen. Einen Pfad der stets haarscharf am Abgrund dahinschrammt…

Fazit: Im zweiten Teil der Trilogie bleibt Jessica Koch ihrem ein- aber nicht aufdringlichen Schreibstil treu, welcher weder in Thematik noch Wortwahl beschönigt. Der Spiegel in den Danny teils nicht zu sehen wagt ist auch im übertragenen Sinne jener, den sich eine Gesellschaft des Wegsehens vorhalten lassen muss. („Es gab Tage da schaffte er es kaum, in den Spiegel zu schauen, ohne mit der Faust gegen das Glas zu schlagen.“ (S.215)). Den inneren Zweispalt, das Genügen-Wollen, aber Nicht-genügen-Können, sowie den äußeren Anspruch Danny’s an sein Selbst fängt die Autorin auch sprachlich wiederum bravourös ein.  („Eltern wollten ein glückliches Kind, ein perfektes Kind. In einer scheinbar perfekten Familie musste ein Kind funktionieren.“ (S.44)). Keine erzählerischen Brüche verunziehren dabei den roten Faden der Entwicklung eines Kindes dessen Überleben einzig und allein von seiner Fähigkeit abhängt sein Innerstes vor dem endgültigen Zerbersten unter den Schlägen seines Vater und der Gleichgültigkeit seiner psychisch erkrankten Mutter zu bewahren. („Wenn er es schaffte seine Seele zu schützen, dann hatte er gewonnen.“ (S.64)). Die Triggerwarnung am Anfang des Textes sollte überdies nicht leichtfertig übergangen werden! Für zart besaitete Gemüter ist der Text nicht wirklich geeignet, obwohl sich die Autorin an keiner Stelle reißerischer Schilderungen als Selbstzweck bedient. Es ist, und dies  werden Betroffene wiedererkennen, einzig das Aufzeigen eines seelischen und physischen Spießrutenlaufes in einer Zeit, die in der Entwicklung eines jungen Menschen durch Liebe, Rückhalt und Vertrauen geprägt sein sollte. Vieles aus dem ersten Buch „Dem Horizont so nah“ wird in diesem Band noch um eine Nuance verständlicher und Danny um die ein oder andere Facette reicher. Eine gebrochene Lebensvision in einem schönen Gefäß, dessen Lebenswillen Vorbild sein kann, ohne vom schlichten Menschsein abgehoben zu wirken.

Buchdaten:

  • Titel: „Dem Abgrund so nah“
  • Autorin: Jessica Koch
  • Verlag: FeuerWerke Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN eBook: 978-3-945362-20-4
  • Dateigröße: 1MB (PDF)

 

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die PDF-Ausgabe des Rezensionsexemplares

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