Der Umgang mit sich selbst – jenseits der Selbstverliebheit – Rezension zu „Sei nicht so hart zu Dir selbst“ von Andreas Knuf

By | 1. September 2016

Der Umgang mit sich selbst - jenseits der Selbstverliebheit - Rezension zu "Sei nicht so hart zu Dir selbst" von Andreas Knuf„Selbstmitgefühl ist kein Ziel, das jemand irgendwann erreicht hat“ (S.78)

Zum Inhalt: Andreas Knuf teilt sein Plädoyer für einen mitfühlenden Umgang mit sich Selbst in zwei Teile, von denen er im ersten die Grundlagen seiner Überlegungen und Schlüsse darzulegen versucht und dem Leser einen Einblick in sein Menschenbild gibt. Im zweiten Teil, welcher ziemlich genau in der Mitte des Buches seinen Anfang nimmt, widmet er sich dem Thema Selbstmitgefühl ins eigene Leben, den eigenen Alltag zu bringen, sozusagen dem Fleisch auf den Knochen der Theorie. Zentrales Thema stellt dabei immer wieder das Postulat dar, dass Selbstmitgefühl keine konditionierte „Schönwetter-Mache“ ist, sondern ein lebenslanger Prozess, welcher seine positivsten Auswirkungen in Zeiten manifestiert, in denen es dem Selbst und somit uns, ohnehin am miesesten geht. In diesen Zeiten schmerzlicher Erfahrungen zeigt sich im Umgang mit sich selbst,  wie viel Mitgefühl, Verbundenheit und Freundlichkeit wir uns selbst zugestehen und uns gegenüber aufbringen können und welche Grundhaltung wir uns in dieser Beziehung angeeignet haben. Den Anhang – aus meiner Sicht durchaus als dritter Teil des Buches zu betiteln – bilden zum einen ein bewegender Erfahrungsbericht, welche Ein- resp. Auswirkungen ein Praktizieren mitfühlenden Umgangs mit sich Selber nach sich ziehen kann, zum anderen findet der interessierte Leser Quellenangaben, weiterführende Literatur, Links und Übungen für den Alltag.
Andreas Knuf greift in seinem Text viele der psychotherapeutisch „heißen Eisen“ an, zu denen es eine Unmenge an Literatur, Ratgebern und monokausalistischen Erklärungsversuchen gibt. Schlagwörter sind hier u.a. die Sollte-Thyrannei, der innere Dauernörgler, die Frage nach Verbundenheit und Getrenntsein (Stichwort: Intersein), wobei Knuf nicht nur beim Ich verweilt, sondern auch das globalere Konzept des Mitgefühls mit anderen nicht außen vor lässt, zumal eines aus dem anderen erwächst. Viele Anleihen nimmt er dabei beim Buddhismus auf den er immer wieder zu sprechen kommt. Knuf will seinen Text als „Lese- wie auch als Arbeitsbuch“ (S.19) verstanden wissen und legt den Textfluss entsprechend an, indem er bewusst Unterbrechungen setzt, die den Leser über Erfasstes nachdenken lassen, ja ihn förmlich darauf stoßen, sich die Zeit zu nehmen innezuhalten. So begegnet man dem Pausenzeichen Pausenzeichen_Andreas_Knuf immer wieder im Text und gewöhnt sich schnell an diese Art des Texterarbeitens.

Fazit: Interesse hatte bei mir ursprünglich der vielversprechende und etwas provokante Titel geweckt. Während der Lektüre stellte sich für mich recht zügig eine gewisse Ernüchterung über den „Nutzen“ des Buches, sowie die grundsätzliche Kernaussage – so wie zumindest ich sie verstanden habe – ein. Andreas Knuf weist mehrfach explizit darauf hin, dass er kein Rezeptbuch schreiben wollte, was ihm über weite Teile auch gelingt. Immer wieder tauchen Denkansätze, resp. -anstöße auf, die praxistauglich (= alltagsintegrierbar) sind und denen das Potential einer realen Hilfestellung innewohnt. V.a. muss sehr positiv hervorgehoben werden, dass Andreas Knuf nie den Eindruck vermittelt, der Leser müsse nur dies oder jenes beherzigen, tun, einhalten, um zu einem unumstößlich eindeutig positiven Ergebnis zu kommen. Er vermeidet auch Platitüden á la „Positives Denken“ – gegen welche er sich auch vehement äußert – zu strapazieren, wodurch der Leser eine realistische Sicht des Weges erhält, welchen er zu gehen bereit sein sollte, um dem Konzept des Selbstmitgefühls näher zu kommen. Als Pluspunkt können auch die weiterführenden Literaturverweise, sowie Links zu Ressourcen im Web gewertet werden.
Befremdlich waren für mich persönlich einige Aussagen, die Knuf aus meiner Sicht als einen doch recht rigiden Deterministen zeigen, dessen Menschenbild durchaus als widersprüchlich empfunden werden kann. Passagen wie: „Wir Menschen sind das Ergebnis unserer genetischen Programmierung und der Konditionierung, die wir erfahren haben.“ (S.59) oder „Gäbe es den freien Willen wirklich, so würde kaum noch jemand Hilfe brauchen und die meisten Psychotherapeuten arbeitslos.“ (S.61) sind dabei für alle Therapeuten im Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie fast schon ein Schlag ins Gesicht und in dieser Form auch nicht haltbar. Die Widersprüchlichkeit wird besonders eklatant sichtbar im Kapitel „Nichts gemacht und trotzdem Schuld“ (S.63ff) in welchem Knuf dann doch wieder darauf eingeht, das bestimmtes Verhalten zukünftig vermeidbar sei (siehe Seite 66), was zu einem Willen, der nicht – wenn auch in Grenzen – frei ist in krassem Widerspruch stünde.

Zum Buch: Der Buchblock des etwas über 200seitigen Bandes wird umschlossen von einem kräftigen in Pastellfarben gehaltenen Paperbackeinband mit Einschlagklappen vorder- und rückseitig, auf denen Zusammenfassendes zum Text, sowie eine kurze Vorstellung des Autors Platz finden. Was leider etwas negativ ins Auge fällt ist die recht dürftige Verleimung der Einzelseiten, die das Buch nur bedingt als Arbeitsbuch tauglich macht. In der typografischen Textgestaltung hält man sich zurück und bleibt zusammen mit den auflockernden Piktogrammen im Textkörper angenehm zügig lesbar.

Buchdaten:

  • Titel: „Sei nicht so hart zu Dir selbst“
  • Autor: Andreas Knuf
  • Umfang: 224 Seiten
  • Verlag: Kösel
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-466-34622-6
  • Größe: 20 x 12,6 x 2 cm

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