Die Audienz

By | 17. September 2012

"Die Audienz" - Armin Rößler (Hrsg.)„»Das All ist unendlich«, zitierte Blanda. Das war einer der Sätze, die sie an Bord einen Gottesbeweis nannten. Man konnte unmöglich das Gegenteil behauptet.“ (S.164)

Zum Inhalt:

„Die Audienz“ (Frank W. Haubold)

Leonard de Castillo hat die erdrückende Ehre, als Gesandter der Menschheit zu den Tanuat, einem uralten, weisen Volk zu fliegen und sie um Unterstützung gegen die kriegerischen Horden der Mareen zu bitten. Sehr zu seiner Verwunderung stellen ihm diese Wesen ihre nicht unerhebliche Streitmacht ohne zu Zögern zur Verfügung, doch nicht nur dies. Der Unterhändler der Tanuat gibt Castillo noch eine Parabel mit auf den geistigen Weg und diese verändert alles.

„Hör auf die Wahrsagerin, Nishka“ (Bruna Phlox)

Die Welt erweckt den Eindruck zu einer einzigen großen Metropole geworden zu sein. Menschen begegnen sich mehr im Cyberspace, denn digitale Implantaten sei dank wird das Reallife nicht mehr allzu oft „benötigt“ und wenn dann ist es befremdlich, wirkt absurd, falsch. In diesem Kontext finden sich zwei Menschen, die trotz ihrer körperlichen Behinderungen ein scheinbar freies Leben führen, doch wie so oft: der Schein trügt.

„Sarah“ (Bernhard Schneider)

Wie weit geht die elterliche Liebe? Diebstahl, Betrug, Bilanzfälschung… oder doch… über den Tod hinaus. Eine bewegende Geschichte, um einen Vater, der über der Sorge um seine todkranke Tochter die Realität aus den Augen verloren hat – bis sie ihn schlussendlich wieder einholt.

„Ein Schiff wird kommen“ (Regina Schleheck)

Nehmen sie einmal an, die Fiktionen und Charaktere welche unsere Leinwände, unsere Mattscheiben bevölkern wären gar nicht so fiktiv, wie wir denken. Und dann passierte noch das undenkbare: es gelänge einer dieser Fiktionen mit dem Medienkonsumenten zu interagieren, ihn zur Rede zu stellen. Man hat beim Lesen dieser Geschichte eine leises Déjà-vu, sofern man den Film „The 13th Floor“ gesehen hat.

„Ausgespielt“ (Christian Weis)

Luna City, eine Metropole bestehend v.a. aus Einkaufsmeilen und Spielcasinos. Hier macht sich Ben Kozak auf die Suche nach dem verschwundenen Sohn eines einflussreichen Geschäftsmannes – und wird auch fündig. Was er jedoch findet ist nicht nur ein ausgebüxter junger Mann, sondern die Ausläufer eines Experimentes dessen Epizentrum weit in der Vergangenheit bei Versuchen an Waisenkindern angesiedelt ist.

„Finja-Danielas Totenwache“ (Nadine Boos)

Finja-Daniela hatte die Vision, die Idee, ihre Familie während ihrer Totenwache noch einmal zusammenkommen zu lassen in der Hoffnung, dass sie zumindest in diesem Rahmen ein wenig Pietät und Anstand an den Tag legen würden. Doch weit gefehlt. Eitelkeiten, Neid, gescheiterte Existenzen, sich gegenseitig ausschließende Wertvorstellungen, das sind die Ingredenzien aus denen eine wahre Familienfeier – oder sollte man sagen ein ausgewachsener Skandal – gekocht wird. Keiner der Anwesenden ahnt jedoch, dass die Sterbende, aus deren verfallenem Körper sich mehr und mehr das Leben davonstiehlt, nicht die Absicht hat, das Zeitliche zu segnen, sondern vielmehr ihre Auferstehung zu inszenieren.

„Der geborgte Himmel“ (Christian Günther)

Die Mission ist gescheitert. Der Mars lässt sich nicht in der erhofften Form terraformen. Erst erkennen dies die Investoren auf der Erde, dann auch die erste Welle der Marskolonisten, die wieder zur Erde zurückkehrt, um dort neu anzufangen. Nur 37 unbeugsame Familien bleiben auf dem roten Planeten zurück. Doch nach vielen Verlusten an Leben und Material müssen auch sie einsehen, dass der Mars nicht zu bezwingen ist. Schon seit langem ist die Verbindung zur heimatlichen Erde abgerissen. Keiner weiß genau warum. Man hat sich damit arrangiert, abgefunden. So verlassen die letzten Menschen, die eine Reise im All noch überstehen können ihren Bezwinger und suchen Zuflucht auf der Erde, ohne zu ahnen was sie dort erwartet…

„Lebenslichter“ (Karla Schmidt)

Eine trostlose, bedrückende Lebenssitutation ist es, in der Mara versucht ihr Leben zu fristen, welches von einem übermächtigen Staatsapparat kontrolliert, sowie bis ins letzte private Detail überwacht wird. Ihr systemkonformes Leben gerät aus den Fugen, als sie in dem Plattenbau in dem sie mit dem Rest ihrer Familie wohnt – oder sollte man besser sagen haust – den jungen Russen Vadim kennenlernt. Mehr und mehr gerät sie in Kreise, die nach Widerstand, freierem Leben und Untergrund klingen.

„Phönix“ (Armin Rößler)

Als ob der nun schon jahrelang geschlagene Kampf gegen die Waldbrände nicht schon genug wäre, suchen den Piloten Hal Johnssen seine ganz persönlichen Dämonen heim: Passagiere. Er wollte nie mehr welche transportieren, doch was soll man machen wenn der Boss es nun einmal so will. Johnsson ahnt erst viel zu spät, wie gut er daran getan hätte seinem Grundsatz, keine Personen außer sich selbst in der Kabine seines Löschflugzeuges zu dulden, treu zu bleiben.

„Der erste Roboter“ (Arnold H. Bucher)

Der erste Roboter, seines Zeichens Staatsdiener und dem jeweilig aktuellen Präsidenten unterstellt, kommt wie jedes Mal bei der Wahl eines neue Präsidenten zu den Technikern um für eben diesen neuen Präsidenten neu initialisiert zu werden. Was nicht bedacht wurde ist die Logikschaltung des letzten Updates, die den Roboter zu der Schlussfolgerung veranlasst, er dürfe nicht gelöscht werden, da seine gesammelten Informationen sehr viel bessere Entscheidungen ermöglichen als leere Speicherbänke. Die Crux ist die, dass in diesen Speicherbänken Informationen schlummern, über deren Brisanz sich der Roboter durchaus im klaren ist…

„Lod, Lad, Chine“ (Andreas Flögel)

In einer Gesellschaft, in der es schon als unschicklich gilt mit einem anderen aus seiner Spezies in einem Raum von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ist ein Verbrechen, das Körperkontakt voraussetzt schier undenkbar. Und doch steht Lod Sidorio als Ermittler vor einer übel zugerichteten Leiche. So schlimm wird es doch wohl nicht sein, denkt er sich. Ein einfacher Fall, ein Roboter – eine Chine – wird wohl eine  Fehlfunktion und damit diesen Unfall verursacht haben. Oder doch nicht?

„Ich töte dich nach meinem Tod“ (Kai Riedemann)

Ein Tatort kann noch so gut virtuell aufbereitet sein, den Spürsinn eines erfahrenen Ermittlers kann nichts ersetzen, auch wenn sich dieser Ermittler sich neben all der Technik und den schier unbegrenzten Möglichkeiten – auch jenen des (virtuellen) Mordens – sehr alt vorkommt.

„Kamele, Kuckucksuhren und Bienen“ (Heidrun Jähnchen)

Clara, so wird der Planet genannt, auf dem eine Gruppe von Wissenschaftlern die lokale Tier und Pflanzenwelt erkundet. Dies an sich wäre noch nicht sonderlich bemerkenswert. Allerdings erhält der Auftrag der Erforschung eine ganz neue Dimension, als auf einer der vielen Ebenen ein menschenähnliches Gebilde quasi über Nach entsteht. Und bei diesem einen bleibt es nicht. Viele Spekulationen welchen Zweck diese Gebilde inmitten der paradiesisch anmutenden Landschaft haben mögen geistern in den Köpfen der Wissenschaftler herum. Bis eine Antwort gefunden wird, die es den Mitgliedern der Expedition nicht leicht macht zu entscheiden, ob sie diese Sensation für sich behalten sollen oder nicht.

„Auslese“ (Jakob Schmidt)

Unser Genom enthält unzählige Informationen, die offensichtlich auch für exotischere Lebensformen von Interesse sind: die sogenannten Fleischengel. Sie sind hinter den Genomen krebskranker Patienten her, welche die Wesen oft als willkommene Erlöser ansehen. Anja hingegen, ebenfalls krebskrank, will sich diesem „Kult“ nicht einfach ergeben und stattdessen bis zu ihrem letzten Atemzug kämpfen. Als ihr bester Freund den Entschluss fast, sich im Dienste der Wissenschaft den Fleischengeln zu verschreiben bricht für sie eine Welt zusammen. Jedoch nicht ihr Wille durchzuhalten.

„Hitze“ (Andrea Tillmanns)

Wie dünn die Schicht an Kultur, Menschlichkeit und dem Rest der viel gepriesenen Bildungserrungenschaften ist, dem versucht diese Kurzgeschichte auf den Grund zu gehen. Wenn Hunger, Energieknappheit und Neid um Ressourcen überhand nehmen, wann ist ein Menschenleben dann nichts mehr wert, oder schlimmer noch, nur noch im Weg. (Ein ausgesprochen gutes Buch zu diesem Thema ist übrigens Luzifers Hammer.)

„Ende der Jagdsaison auf Orange“ (Karsten Kruschel)

Die letzten geduldeten Jäger sollten schon von Orange abgezogen sein. Alle noch Verbliebenen werden von den Lakaien des übermächtigen Industriegiganten Matsushita  aufgespürt. Ebenso werden sie mit dem nötigen Nachdruck auf die Einhaltung der entsprechenden Verordnungen – natürlich ebenfalls von Matsushita  erstellt – hingewiesen. Der ein oder andere Kollateralschaden lässt sich da nicht vermeiden. Für Matsushita ist Orange nur eine weitere Ressourcenquelle. Sie in klingende Münze zu verwandeln das oberste Firmengebot ist, solange die Rechte am Planeten noch bei der Firma liegen. Im Schatten dieses Molochs führt Karsten Kruschel den Leser durch die faszinierende Landschaft, sowohl des Planeten, als auch dessen Seele… und die der Bewohner. Und diese Landschaft hält Wunder bereit, von denen weder die kühnsten Freizeitjäger, noch die vertrockneten Erbsenzähler in den klimatisierten Büros von Matsushita den leisesten Schimmer haben… zum Glück.

Fazit: Hochkarätige SF-Geschichten erwarten den Leser auf den 214 Seiten des Buches und keine der Erzählungen lässt Langeweile aufkommen. Gewisse Ideen sind nicht ganz neu. Jedoch sind sie aus einem neuen Blickwinkel beleuchtet und in einen oft auf den ersten Blick befremdlichen Kontext gestellt. Die aus meiner Sicht in sich stimmigste, ausdrucksstärkste und flüssigste Erzählung ist jene von Karsten Kruschel „Ende der Jagdsaison auf Orange“. Er schafft es aus meiner Sicht mit Abstand am Besten in der dichten Kompaktheit der Kurzgeschichte eine Welt entstehen zu lassen, deren Enden zwar sichtbar aber de facto immer am Horizont bleiben werden.

Zum Buch: Der Band ist sehr schön aufgemacht, der Umschlag ansprechend gestaltet und das Papier fest und angenehm griffig. Im Satz fällt die gelungene Idee auf, am Beginn jeder Geschichte eine kurze Information über den Autor resp. die Autorin in einem farblich anders hinterlegten Textblock linksseitig einfließen zu lassen.

Buchdaten :

  • Titel: „Die Audienz“
  • Hrsg: Armin Rößler und Heidrun Jänchen
  • Broschiert: 214 Seiten
  • Verlag: Wurdack; Auflage: 1., Aufl. (März 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3938065621
  • ISBN-13: 978-3938065624
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
  • Größe und/oder Gewicht: 19,2 x 13 x 2 cm

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