Ein handbreit Flecken Boden vor meinen Augen – Rezension zu „Das Wiesenbuch“ von Karl Heinrich Waggerl

By | 14. März 2016

Umschlagbild - "Das Wiesenbuch" - Karl Heinrich Waggerl„Ich betrachte genau diesen handbreit Flecken Boden vor meinen Augen und zuletzt ist auch er eine große Welt, weitläufig und mühselig und schwer zu begreifen.“ (S.66)

Zum Inhalt: Beinahe einen ganzen Jahreskreis begleitet der Autor seine Wiese, wie er sie bezeichnet, immer wieder eintauchend in die Fülle der Eindrücke, die ihm der „handbreit Flecken Boden vor seinen Augen“ (S.66) enthüllt. Eingebunden in die großen und kleinen pitoresken Ereignisse findet auch der Mensch in Person des Bauer, des Erzählers oder gar eines begehrten Mädchens seinen Platz in dieser an naive Malerei erinnernden Szenerie an den Grenzen zwischen Tag und Nacht, Frühling und Sommer, Wiese und Wald, Mann und Frau. Die vielen einzelnen Versatzstücke denen die Aufmerksamkeit Waggerls gilt stellen individuelle Pinselstriche im idyllischen Arrangement um die Wiese und nicht zuletzt um ein Lebensjahr des Erzählers dar. Dabei stellt Waggerl immer wieder den Menschen oder vielmehr seine Rolle im Weltengeschehen in Frage, besonders bezugnehmend auf dessen allzu oft übersteigert wahrgenommene Wertigkeit. „Was könnte man tun um einen Platz unter den Gestirnen zu erobern? Ein Mensch baut die Pyramiden, ein anderen Mensch sitzt ein Leben lang in der Einöde für das Heil seiner Seele, und der Himmel lächelt über beiden.“ (S.70)
Besonders eindrucksvoll sind auch die Scheerenschnitte gelungen, welche Wiesenkräuter darstellen, die auch für den botanisch interessierten Laien gut zu erkennende Wiedergaben der Pflanzen in realiter repräsentieren.

Fazit: Es ist kein klassisch literarisch herausragendes Werk welches der Leser mit diesem Inselbüchlein in Händen hält, aber nichts desto weniger etwas für die Seele. Wie es stets seine Art war, schrieb Waggerl in einfachen und direkt zugänglichen Bildern von Eindrücken die wir oft verlernt haben wahrzunehmen. Dieses Sensorium wieder zu schärfen und daraus Ästhetik in scheinbaren Kleinigkeiten zu finden gelingt dem Text bravourös.

Zum Buch: Ein sehr sauber fadengeheftetes Buch, dessen Text in Fraktur gesetzt und mitsamt den 16 Scheerenschnitten des Verfassers gedruckt wurde, hält der Leser mit dem 426. Insel-Bücherei-Band in Händen. Dabei wurde auch bei diesem Buch nicht auf einen individualisierten Einband in bester Insel-Buch-Manier verzichtet. Da der Druck der Schwarz/Weiß-Tafeln teils die Motive auch auf der Rückseite durchscheinen lässt wurde wohlweislich für die Tafeln ein einseitiger Druck gewählt, was dem Buch einen zusätzlichen Reiz verleiht.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Wiesenbuch“
  • Autor: Karl Heinrich Waggerl
  • Umfang: 80 Seiten
  • Verlag: Insel-Bücherei (1960)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 12 x 0,9 cm

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