Ein Mahner wider die Technikeuphorie und für eine solide Bildung

By | 22. Juni 2014

"Das Technopol" - Neil Postman„Neue Technologien verändern die Struktur unserer Interessen – die Dinge, über die wir nachdenken. Sie verändern die Beschaffenheit unserer Symbole – die Dinge mit denen wir Denken. Und sie verändern das Wesen der Gemeinschaft – die Arena, in der sich Gedanken entfalten.“ (S.28)

Zum Inhalt: Neil Postman (* 8. März 1931 – † 5. Oktober 2003) zeichnet in seinem 1992 erschienen Buch die Bestandsaufnahme und die mögliche Projektion einer Gesellschaft, deren Spiritualität, Geist und menschlicher Esprit in einer Technologiegläubigkeit aufgegangen sind. Eindrücklich, beängstigend schlüssig und in über manche Passagen hinweg mit nachdrücklich missionarischem Eifer arbeitet er Trugschlüsse unseres Verständnisses von technischer Machbarkeit und Notwendigkeit heraus, die bar jeder moralischen und ethischen Kontrolle in einer Verarmung des menschlichen (Zusammen)-Lebens enden kann / muss: dem Technopol. Das Glaubensbekenntnis dieser Struktur ist die Technologie, deren archetypisches Symbol der Computer in all seinen Ausprägungen darstellt. Dabei wird die Technik an sich keinesfalls als das Böse per se stigmatisiert („Jede Technik ist beides, eine Bürde und ein Segen; es gibt hier kein Entweder-Oder, sondern nur ein Sowohl-Als-auch.“ (S.12)), vielmehr ist es die unkritische Ausbreitung der Technik und ihrer impliziten Machtübernahme über Themenkreise in denen sie keine Kompetenz hat und haben sollte, die Postman aufzeigt.
Die Information als Massenware nimmt der Autor ebenfalls näher in Augenschein mit sehr ernüchternden Schlussfolgerungen, wie z.B. folgender: „Man könnte das Technopol sogar als ein System definieren, dessen Immunsystem gegen die Informationsfülle nicht mehr intakt ist. Das Technopol leidet an einer Form Kultur-AIDS, wobei diese Abkürzung hier »Anti-Information Deficiency-Syndrom« bedeutet,…. Dieses Syndrom ist die Ursache dafür, dass man fast alles sagen kann ohne Widerspruch zu erregen, sofern man nur mit den Worten beginnt: »Eine Untersuchung hat gezeigt…« oder »Wissenschaftler sagen uns heute…« Es ist auch, und dies ist noch wichtiger, die Ursache dafür, daß es unter einem Technopol keine transzendenten Orientierungen oder Sinnbestimmungen, keine kulturelle Kohärenz gibt. Information ist gefährlich, wenn es keinen Platz für sie gibt, wenn keine Theorie da ist, auf die sie sich stützt, kein Muster, in das sie sich fügt, kurz, wenn es keinen übergeordneten Zweck gibt, dem sie dient.“ (S.72f)
Was dem Leser besonders auffallen dürfte ist die Weitsicht die Postman mit seinen Aussagen zum Thema Statistik, Meinungsforschung und auch Bürokratie im Zusammenhang mit technologischer Machbarkeit schon in den 1990ern verschriftlichte. Als Kulturkritiker musste sich Postman selbstredend auch die Frage gefallen lassen, welche Lösungsstrategien er für das von ihm über 193 Seiten dargestellte Dilemma anzubieten hätte. Und er gibt fairerweise zu, dass er, „wie die meisten anderen Kritiker, eher Probleme als Lösungen im Gepäck habe.“ (S.194) Um so interessanter nimmt sich seine fast schlicht – deshalb aber nicht weniger brisant – anmutender Lösungsansatz im Kapitel 11 »Der liebevolle Widerstandskämper« aus: Bildung als Kardinalkompetenz eines mündigen Menschen. Und hierbei wird nicht die Anhäufung von Information verstanden. „Bildung gewinnen bedeutet nämlich, auch die Ursprünge und das Wachstum des Wissens und der Wissensysteme wahrnehmen zu lernen; es bedeutet sich vertraut zu machen mit den geistigen und schöpferischen Prozessen, in deren Verlauf das Beste, was gedacht und gesagt worden ist, zutage kam; es beduetet, lernen, wie man, und sei es nur als Zuhörer, an dem teilnehmen kann, was Robert Maynard Hutchins einmal das »Große Gespräch« genannt hat …“ (S.201)

Fazit: Polarisierend, so könnte man das Buch resp. die Thesen Postmans simplifiziert beschreiben. Unabhängig von den teils etwas polemischen, jedoch in ihrer Logik schlüssigen Ausführungen ist es ernüchternd, wie viele der gesellschaftlichen Wunden, auf die der Autor seine Finger legt heute noch immer nicht verheilt, ja teilweise sogar noch größer geworden sind. Erschreckend ist die Tendenz, dass wir heute nicht nur noch technikgläubiger sind als ehedem, sondern dass die Mahner bestenfalls in belächelten, apokalyptischen Filmen ihre Rolle spielen können. Der »mündige« Zuseher jedoch anschließend erneut sein Mobiltelefon zückt und weiter in seiner ihm eigenen Matrix lebt. Selten gelingt es uns inne zu halten und die richtigen Fragen zu stellen… und uns nicht nur mit (Schein-)Antworten zufrieden zu geben, auf Fragen die WIR so – eigentlich – nicht gestellt hätten.
Für Leser, die sich in das Thema bzw. in die Denkweise Postmans vertiefen möchten, finden sich sowohl im Text, als auch in der Bibliographie zahlreiche Hinweise auf ausgesprochen interessante Quellen.

Zum Buch: Das Taschenbuch glänzt – im wahrsten Sinne des Wortes – durch einen sehr soliden Umschlag, eine stabile Verleimung des Buchblockes und griffiges Papier. Layouterisch und drucktechnisch werden keine Experimente gewagt, was dem Lesefluss und dem Inhalt des Textes zugute kommt.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Technopol“
  • Autor: Neil Postman
  • Ausgabe: 222 Seiten
  • Verlag: Fischer Verlag
  • Sprache: Deutsch (Übersetzer: Reinhard Kaiser)
  • ISBN-10: 3-10-062413-0
  • ISBN-13: 978-3100624130
  • Größe: 20,4 x 12,5 x 1,6 cm

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