Ein Phantastik Almanach – würdiger Vertreter seines Genres

By | 2. Mai 2014

"Lichtjahr 1" - Verlag Neuen Berlin„Science-Fiction Land ist das ausgedehnte, bunte Land des logisch Möglichen, es liegt, geographisch gesehen, zwischen der Welt des Wirklichen (unserem Alltag) und der fahlen Gespensterwelt des logisch Unmöglichen (dort spuken runde Quadrate und Perpetuum mobiles).“ (S.85)

Zum Inhalt: Mit dem ersten der »Lichtjahr«-Bände versuchen die Redakteure eine Momentaufnahme eines Genres zwischen zwei Buchdeckel zu bannen: jenes der Science-fiction, resp. der »Phantastik«. Neben Kurzgeschichten kommen v.a. auch literaturkritische Texte, Analysen und nicht zuletzt die illustratorische Kunst nicht zu kurz. Unzählige Hinweise auf Werke aus der SF finden sich verstreut in den Essays und animieren den Leser diesen Brotkrumen nachzugehen, stets auf der Suche nach neuen fantastischen Welten und Denkansätzen…

Die einzelnen Beiträge:

„Briefe, die allerneueste Literatur betreffend“ (Günter und Johanna Braun)
Disput zwischen Aristodemos und Klaus Meier über den Begriff des Phantastischen in der Literatur, sowie der Existenzberechtigung dieses Genres an sich, geführt über die Zeit hinweg von der Antike bis heute.

„Zwischenwort“ (E. Redlin, E. Simon)
Vorstellung, Geleitwort zum Phantastik-Almanach „Lichtjahr 1“ und dessen Stoßrichtung, auch in Bezug auf die Grafikkünstlern in diesem Zusammenhang und der Emanzipation deren Schaffens weg von der reinen Untermalung des Literarischen

„Aus alten Archiven“ (Johanna und Günter Braun)
In einer zukünftigen Welt des rationellen Rationalismus sorgt das Auftauchen einer antiken, als ausgestorben geglaubten Verhaltensauffälligkeit für tiefe gesellschaftliche und wissenschaftliche Erschütterung: das Briefeschreiben. (irritierende aber sehr passende Illustrationen von Regine Schenk und Burckard Labowski)

„Der vierdimensionale Raummultiplikator“ Sam J. Lundwell
Harry, seines zeichens Wohnungsschwindler, entdeckt durch Zufall eine Tür in eine andere Dimension. Diese nutzend verfügt er über eine schier unerschöpfliche Anzahl jener Ressource, die zu seiner Zeit besonders knapp ist: Wohnungen. Doch die Tür hat ihre Tücken…

„Unser Recht auf Bewohner anderer Welten“ (Kurd Laßwitz)
Essay über Poesie, Phantasie und deren Konnex zu Wissenschaft, Religion und Weltanschauung. (Erschienen erstmals 16.10.1910)

„Über Denkbarrieren“ Hubert Horstmann
Anforderungen und Herausforderungen, welchen sich SF-Autoren gegenüber sehen, wenn sie in sich stimmige und doch denkflexible Geschichten entwickeln wollen.

„Das gibt es nicht“ (Dmitri Bilenkin)
Prof. Arzinowitsch begegnet völlig überarbeitet bei einer Ausfahrt mit dem Fahrrad, um sich zu entspannen, dem fliegenden Menschen Sidorow. Da dies für den gelernten Wissenschaftler völlig unmöglich ist, löst er das Problem durch rationale Ignoranz.

„In allen Universen“ (Dmitri Bilenkin)
Wissenschaftler entdecken auf dem Mond ein scheinbares Tor in eine atemberaubend schöne Welt. Allerdings ist es unpassierbar und während der wissenschaftlichen Analysen zerfällt es. Daraufhin stellt Kramer, einer der Wissenschaftler, die These auf, dass es sich um ein Gemälde einer außerirdischen Intelligenz handeln müsse, welche es aus Sehnsucht nach der Heimat und um der Kunst Willen erschaffen hätte.

„Roboterfrühstück“ (Gottfried Kolditz)
Ein irritierendes Treffen in der Kantine entwickelt sich zu einer Art Zeitreise in die Vergangenheit und einem sehr befremdlichen sozialen Erlebnis mit einem Roboter.

„Wo das Getreide wogt“ (Arkadi und Boris Strugatzki)
Ein Mitarbeiter des „Institutes für Magie und Zauberei“ unternimmt eine Probefahrt mit der dort entwickelten Zeitmaschine und schildert anschließend die dabei gemachten Erfahrungen in dieser Kurzgeschichte

„Was Xanadu kann“ (Heinz Entner)
Beschäftigung mit der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der SF-Literatur und im Großen mit dem Aufeinanderzugehen von Wissenschaft und Technik auf Dichtung und Literatur, exemplarisch dargelegt anhand einer Geschichte von Theodore Sturgeon.

„Der Dialog über Atlantis“ (Kirill Bulytschow)
Eine Phantastik-Geschichte angesiedelt im alten Griechenland, zur Zeit der Entstehung der Sage über Atlantis und was der Termin bei einer Kosmetikerin damit zu tun hat.

„Sodom und Gomorrha“ (Gyula Hernadi)
Die Thematik rund um Lot und Sodom und Gomorrha aus sechs verschiedenen Blickwinkeln erzählt resp. interpretiert.

„Die Spirale im Werk Ursula LeGuins“ (Wl. Gakow)
Profunde Abhandlung über das Werk der Autorin Ursula LeGuin mit dem Versuch einer Definition von SF und Fantastik in den Symbolen und Metaphern ihrer Texte.

„Vorwort zum Roman »Winterplanet«“ (Ursula LeGuin)
Stellungnahme zu der Frage was SF-Autoren produzieren und welche Wertigkeit ihre Geschichten repräsentieren, mit zeitlosen Aussagen von philosophischer und philologischer Tiefgründigkeit.

„Krieg im All“ (Karlheinz Steinmüller)
Den größten Feind dem wir im All begegnen können bringen wir selbst mit: UNS.

„Eden im All“ (Lutz Hartmann)
Gedankenexperiment zur Frage, wie sich ein Mensch eventuell den Garten Eden einrichten würde, wenn er wirklich freie Hand hätte, mit dem Fazit, dass man mit seinen Wünschen durchaus vorsichtig sein sollte.

Fazit: Den Redakteuren des Almanachs ist es gelungen eine ansprechende Mischung aus SF-Kurzgeschichten, sowie herausfordernden Essays über das Schaffen in diesem Genre zu kombinieren und damit eine breitgefächerte Sicht auf das Gebiet zu geben. Geschichtlich sind nicht nur die Erzählungen an sich faszinierend, sondern auch der immer wieder durchklingende ideologische Kontext welcher in ehemaligen DDR die Perzeption dieser Stilrichtung prägte.

Zum Buch: .Der erste der sechs Lichtjahr-Bände ist als einziger „nur“ broschiert im Gegensatz zu den fünf folgenden Hardcoverbänden. Die Verleimung des Buchblockes ist recht solide gehalten, die Papierqualität dagegen eher mäßig. Der Druck ist ausgesprochen sauber.

Buchdaten:

  • Titel: „Lichtjahr 1“
  • Broschierte Ausgabe: 238 Seiten
  • Verlag: Das Neue Berlin; Auflage: 1. Auflage (1. Januar 1980)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3811820311
  • ISBN-13: 978-3811820319
  • Größe: 20,3 x 19 x 1,65 cm

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