Ein Rettungsanker in der Luft – Rezension zu „H wie Habicht“ von Helen Macdonald

By | 15. September 2015

H wie Habicht von Helen Macdonald„Die Welt ist voller Zeichen und Wunder, die kommen und gehen. Wenn wir Glück haben, sind wir vielleicht genau dann am Leben und sehen sie“ (S.382)

Zum Inhalt:

Vordergründig liest sich der einfühlsame Text wie die Geschichte einer Reise. Einer Reise welche Helen Macdonald als Falknerin mit ihrem Habicht Mable antritt, nicht ahnend, auf was sie sich dabei einlässt. Bereits als Kind fasziniert von allem was mit Falknerei und Greifen im weitesten Sinne zu tun hat, scheint es der logische Schritt zu sein sich an einem beinahe urtümlichen Wesen zu versuchen, dessen schwierige Persönlichkeit legendär ist. Und hier flicht sich ein zweiter, darunter- oder daneben liegender Erzählstrang ein: die Auseinandersetzung mit T.H.White, dem Autor des in Falknerkreisen bekannten Buches „The Goshawk“.

Getragen jedoch wird alles in letzter Konsequenz vom Gewebe der dritten Geschichte, weit unter den ins Auge springenden: dem Verlust ihres Vaters und dem beschwerlichen Weg aus ihrem seelischen Exil zurück in eine Gesellschaft von (Mit-)Menschen. Streiflichter, Deja Vús und das Abdriften in eine Welt, die beinahe nicht mehr menschlich zu nennen ist, beleuchten die schmale Schneise im Dickicht von Trauer, Depression und Vereinsamung, über dem Mabel einem Fixstern gleich kreist, pendelnd zwischen der Angst endgültigen Verlassenwerdens und dem heilsamen Gefühl eine Richtung zu erahnen.

Exkursionen in die englische Literatur, stets von dem Wunsch beseelt Wegpunkte zu finden, die erklärend und wegweisend sein können hin zu einem Ort, einem Zustand, der ein zerstörtes Leben wieder heil und überschaubar macht. Dabei muten die wunderbar fein ziselierten Landschaftsbeschreibungen nicht selten wie Allegorien einer Zweisprache der Autorin mit ihrem Habicht an. Ein Buch das eindringlich beschreibt, wie man sich als Mensch verlieren, aber auch wieder finden kann.

Fazit:

Das Vordringen in den Text von Helen Macdonald gestaltet sich anfangs ähnlich dem Sich-Vorarbeiten der Falknerin im Wacholder- und Brombeerdickicht. So trägt auch der erste Teil des Buches unverkennbar die Handschrift einer Verzweifelten, einer Verwirrten, einer Verlorenen. Die fast schmerzliche Intensität der sprachlichen Bilder, der Sog der vereinnahmenden Geschichte, sowie die dunkle Hoffnungslosigkeit einer dem Menschsein entfremdeten Person wird spür- und greifbar. Erst allmählich lichtet sich im Laufe der Lektüre die Verworrenheit, macht einer gereiften Lichtheit Platz und vereint die drei erzählerischen Hauptstränge zu einem filigranen und doch tragenden Muster.

Zum einen der biografische Splitter rund um T.H.White, dessen Schnittmenge mit dem Leben der Autorin in falknerischen und literarischen Themen auffindbar ist. Zum zweiten die an den Grundfesten ihrer Person rüttelnde Trauerarbeit um ihren Vater und zum dritten die liebevolle, jedoch keineswegs rein romantisierte  Entwicklungsgeschichte der Beziehung zu ihrem Habicht Mabel. Zu Beginn abrupt anmutende, stakkatoartige Wechsel in der Erzählung, im zweiten Teil des Buches übergehend in eine mehr organisch harmonischere Lektüre fangen die Stimmungen, die facettenreichen Seelenzustände Helen Macdonald’s ebensogut ein, wie das Timbre der Zwiesprache mit Mable, deren intimes Band letzten Endes der Rettungsanker einer beinahe verlorenen Seele wird…

Zum Buch:

Sowohl der Schutzumschlag mit einem beeindruckend treffend eingefangenen Habicht, als auch die Buchdeckel sind stimmig in den Farben des Federkleids eines juvenilen Habichts gehalten. Der aus der Berkley gesetzte Fließtext ist ausgezeichnet lesbar und wird durch ein kurzes Postskriptum abgerundet, in dem die Autorin auf ihre spezielle Verbindung zu T.H.White eingeht. Anmerkungen zu Übersetzung und Übertragung finden sich am Schluss und tragen nicht selten zu einer noch dichteren Annäherung an den englischen Text bei. Ein vom Umschlag bis zum Lesebändchen rundum gelungenes Buch.

Eine beeindruckende Buchvorstellung findet man unter folgendem Link: „H is for Hawk“

Buchdaten:

  • Titel: „H wie Habicht“
  • Autor: Helen Macdonald
  • Übersetzerin: Ulrike Kretschmer
  • Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Allegria
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-7934-2298-3
  • Größe: 13,5 x 4,1 x 21,5 cm

P.S.: ein weiteres wunderschönes Buchporträt aus der Feder Helen MacDonalds zu einem imposanten Greifvogel ist: „Falke – Biografie eines Räubers“

Weitere thematisch passende Einträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.