Ein (un)bekanntes Märchen frech erzählt…

By | 24. April 2013

"Ensel und Krete" - Walter Moers„Wie definiert man eine Hexe? Landläufige Definition – altes weibliches Wesen von unattraktivem Äußeren mit exzentrischem Verhalten und Neigung zu morbiden Gewohnheiten“ (S.116)

Zum Inhalt: Fhernhachen, genauer gesagt Fhernhachenkinder, das sind Ensel und Krete. Sie machen mit ihren Eltern Urlaub. Und das in einer der wohlbehütetsten, sichersten und familienfreundlichsten Ecken Zamoniens – so steht es zumindest im touristischen Werbetext – : dem Großen Wald.  Doch Hand auf’s Herz: was machen gut sozialiserte Kinder mit einem leidlichen entwickelten Hang zur Neugier in einem Wald mit all seinen lockenden Überraschungen, verführerischen (Ab)Wegen und elterlichen Verbotsecken. Genau: sie büchsen aus, um auf eigene Faust die Welt zu erkunden. Was soll schon geschehen, zumal wenn einer der „Helden“, nämlich Ensel, doch schon so gut wie alle Abenteuerromane von Prinz-Kaltbluth verschlungen hatte, einen Ausbund an Hilfestellungen für in Not geratene Glückritter, Weltenretter und Abenteurer.
Unsäglich hilfreich für eine derartiges Unterfangen und nicht unerwähnt bleiben soll auch die folgende Volksweisheit: Hexen stehen immer zwischen Birken. Jawohl! Nundenn… so gerüstet stolpern die beiden Kinder durch den Großen Wald, lernen so ziemlich von jeder Wesensart dieses zamonischen Landstriches einen Vertreter kennen, was ihrer physischen und psychischen Ausgeglichenheit selten zuträglich ist. Die Versuche den Heimweg ohne die Hilfe der sonst allerorts gegenwärtigen Buntbärenpatroullien zu finden scheitern nicht zuletzt an der finsteren Heimtücke so mancher botanischen Kuriosität.
An gefährlichen Begegnungen – sei es nun die mit dem an sich nicht unsympathischen, wenn auch sehr hungrigen Laubwolf, der ebenso trägen wie gefräßigen Grasmuräne – mangelt es auf den 256 Seiten wahrlich nicht. Und ganz nebenbei lernt der geneigte Leser, streng dem mythenmetzschen Bildungsauftrag überantwortet, jede Menge über zamonische Literatur. So gerüstet wird es ihm auch möglich den Ausgang der Geschichte zu ertragen, die mit „einem Tabu der Zamonischen Literaturgeschichte“ (S.202) zu brechen wagt … was sonst könnte man von einem literarischen Urgestein wie Hildegunst von Mythenmetz auch weniger erwarten.

Fazit: Sehr, sehr lesenwertes, ungemein kurzweiliges Buch, das ein weiteres Stück jener Welt enthüllt die Moers in der ihm eigenen facettenreichen Genialität geschaffen hat.

Zum Buch: Ein Vermutstropfen, der dem Buch leider viel seines haptischen Charmes nimmt, ist die sehr schlechte Verleimung des Buchblockes. Dem entgegengesetzt ist die drucktechnische und optische Gestaltung wie bei allen Büchern aus Moers Feder, die ich bisher  gelesen habe: Liebevoll gestaltete Zeichnungen, aufrüttelnde Layoutbrüche, Spielereien mit Schriftarten und satztechnische Spielereien machen das Lesen zu einem Vergnügen, bei dem man des öfteren in den öffentlichen Verkehrsmitteln mitleidig angesehen wird – spätestens, wenn man wieder aus dem Schmunzeln nicht herauskommt und ein leidlich debiles Gesicht dabei macht… eine Geschichte die einen eben mitnimmt 🙂 .

Buchdaten:

  • Titel: „Ensel und Krete“
  • Autor: Walter Moers
  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (1. Juli 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442450179
  • ISBN-13: 978-3442450176
  • Größe und/oder Gewicht: 18,2 x 12,4 x 2 cm

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