Eine der Geschichten hinter dem OED…

By | 22. Mai 2013

"Der Mann der die Wörter liebte" - Simon Winchester„Ich bin noch nicht so tief in die Lexikographie versunken, um nicht mehr zu wissen, daß Wörter die Töchter der Erde und die Dinge die Söhne der Erde sind.[Dr. Samuel Johnson]“ (S.124f)

Zum Inhalt: George Merrit hieß der Arbeiter, der von dem amerikanischen Arzt und Offizier William Chester Minor am 17. Februar 1872 im viktorianischen London erschossen wurde. Wie sich herausstellen sollte die Tat eines Geisteskranken, jedoch überaus gebildeten Mannes, dessen Schicksal es sein sollte, weit mehr als die Hälfte seines Lebens in Straf- und Irrenanstalten, wie jener in  Broadmoore zu verbringen. Belesen und gebildet wie Minor war, kam nun noch die Tatsache hinzu, dass er über Unmengen an freier Zeit verfügte, zumal für sein leibliches Wohl gesorgt war.
Die Aufrufe, die die Redaktion des im Entstehen begriffenen „Oxford English Dictionary“ (OED) an primär englischsprachige, freiwillige Leser richtete, bei der Suche nach Wörtern und deren Belegstellen behilflich zu sein, kam für Minor in dieser Zeit einer therapeutischen Erlösung gleich. Durch die Mitarbeit, wenn auch von der Zelle einer Anstalt aus, hatte er das Gefühl an etwas Großem Teil zu haben. Dr. James Murray, einer der Leiter des Projektes, besuchte Minor nach Jahren in denen letzterer tausende von Wörtern in akribischer Kleinarbeit recherchiert und der Redaktion des OED zugänglich gemacht hatte. Es entstand eine Freundschaft, die von gegenseitigem Respekt, Hochachtung, sowie Verständnis geprägt sein sollte.
Die Dämonen die Minor quälten nahmen jedoch mit fortschreitendem Alter zu. Das Abdriften in seine Krankheit, die man heute als „Schizophrenie“ oder neuer „Kraepelin-Syndrom“ diagnostizieren würde, machte ihm sein Leben ungemein schwer. Simon Winchester schildert bewegend auch das Ende der vielen Lebenslinien, die durch einen großen Knotenpunkt als den man die Arbeit am OED sehen könnte, verbunden waren. Neben diesen äußerst plastischen Bildern aus Biographien, ist es dem Leser möglich faszinierende Streiflichter auf die Lexikographie generell, so wie die Historie eines der bedeutendsten und monumentalsten Werke der Geschichte des Buchdruckes zu verfolgen. Die (Lebens-)Geschichte hat ein Prisma geschaffen, „durch das die noch fesselndere und faszinierende Geschichte der englischen Lexikographie betrachtet werden kann.“ (S.274)

Fazit: Anfangs liest sich das Buch etwas trocken. Der Leser ist versucht zu glauben, es handle sich um einen etwas angestaubten, in die Länge gezogenen Zeitungsartikel einer altehrwürdigen englischen Zeitung. Doch Simon Winchester gelingt es die Aufmerksamkeit seines Publikums so weit in angenehmer Weise zu fesseln, dass man plötzlich am Ende des Buches angelangt ist, mit dem überraschenden Gefühl, man hätte doch eben erst zu lesen begonnen. Der Autor lässt sich mit keinem Satz zu reißerischen Abwegen verleiten, schildert distanziert und doch einfühlsam die Geschichte so vieler Leben, die durch die Tat eines geistig kranken Menschen, der W.C. Minor zweifelsohne war, und wart eine ausgeglichene Sichtweise auf die Entwicklungen von verschiedenen Standpunkten aus.

Zum Buch: Sowohl an der Bindung des Buchblockes, als auch an der Umschlagverarbeitung kann nichts ausgesetzt werden: das Buch ist nach allen Regeln der Buchbindekunst solide und mit viel Gespür für das Detail verarbeitet. Die  typographische Gestaltung ist vorbildlich. Die Schrift des Fließtextes sehr gut lesbar, die Gliederung in die einzelnen Kapitel stimmig und die Einleitung eines jeden Kapitels mittels eines satztechnisch auffällig abgehobenen Auszuges aus dem OED ist eine ästhetische Augenweide. Besondere Erwähnung verdient noch der passend gestaltete und optisch ansprechende Schutzumschlag, der seinem Namen alle Ehre macht.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Mann, der die Wörter liebte: Eine wahre Geschichte“
  • Autor: Simon Winchester
  • Übersetzer: Harald Stadler
  • Gebunden: 284 Seiten
  • Verlag: Albrecht Knaus Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3813502252
  • ISBN-13: 978-3813502251
  • Originaltitel: The Surgeon of Crowthorne
  • Größe und/oder Gewicht: 20,5 x 13,4 x 2,4 cm

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