Emotio

By | 9. Oktober 2012

"Emotio" - Armin Rössler und Heidrun Jänchen (Hrsg.)„Was konnte die Welt doch für ein trister Ort sein. Zumindest, wenn der Mensch mit ihr fertig war.“ (S.56)

Zum Inhalt:

Emotio (Nadine Boos)

Wissen zu teilen ist eine gute Sache. Dies würde sicher (fast) jeder bejahen. Wie weit jedoch kann man den Begriff Wissen fassen. Hört er bei den eigenen Gedanken, Emotionen, Erfahrungen auf; jenem Teil der persönlich ist. Und was, wenn durch Standard gewordene Implantate das Innerste der intimen Erlebniswelt des Staatsbürgers schleichend aber unaufhaltsam zugänglich gemacht wird; wenn es indizierbar, durchsuchbar, verschlagwortbar  wird… und man eines Tages erkennt, dass eine Suchmaschine Treffer liefert, die aus dem eigenen privatesten Leben stammen… beängstigend greifbar…. nicht?

Routine (Bernhard Schneider)

Der scheinbar routinemäßig abzuhandelnde Mord am Rande eines Wissenschaftlerkongresses bereitet Hauptkommissar Sebastian Schäfer nicht annähernd so viel Kopfzerbrechen, wie seine neue Kollegin, die mit ihrem Elan viel zu viele schlafende Hunde aufzuwecken im Stande ist, welche man besser schlafen ließe. Denn alle Morde dieser Serie haben eines über die Zeit gemeinsam: die Leiche ist immer dieselbe.

„Zeitlupenwiederholung“ (Ernst Eberhard Manski)

Dem Protagonisten der Kurzgeschichte, seines Zeichens Musiker, fällt angesichts eines Fußballspiels und der darin verwendeten Zeitlupenwiederholungen auf, dass letztere von den Szenen im Spiel doch erheblich abweichen. Diese Beobachtung bleibt in seinem Bewußtsein stecken wie diese kleinen Splitter, die man bei Holzarbeiten manches Mal an den Fingern abbekommt: sie sind unsagbar klein. Proportional zu ihrer Winzigkeit, steigt aber die Irritation, die sie erzeugen und ihre im wahrsten Sinne des Wortes Unfassbarkeit. Beharrlich geht er dem Phänomen auf den Grund, oder versucht es zumindest, nicht ahnend wie „tief der Kaninchenbau“ reicht.

„Gute Hoffnung“ (Frank W. Haubold)

Das Sonnensystem und somit die menschliche Rasse wird durch ein kosmisches Phänomen bedroht, das das Ende des Lebens, wie wir es kennen, einläutet: ein Singularität. Da dieses Ereignis nicht abwendbar ist, werden Pläne geschmiedet und umgesetzt, zumindest einen Teil der Menschen zu retten. Eine der gebauten Archen ist die „Bona Spes“. In ihr leben über Jahrhunderte hinweg in gut abgeschotteten Enklaven kleine menschliche Gesellschaften, die sich entwickeln, erhalten und ihrem Tagwerk nachgehen, ohne zu wissen, dass sie sich auf einem gigantischen Raumschiff in der Weite des Alls befinden. Das Schiff gelangt nach einer schier endlosen Reise in einen Raumsektor, der es potentiell ermöglicht die Menschen auf einem passenden Planeten wieder anzusiedeln. Die Technik ist dabei nicht der limitierende Faktor. Die Psyche der Bewohner der Raumarche bereitet den Wächtern derselben mehr Sorgen. Wie viel Wahrheit kann der Mensch ertragen?

Nanne kommt auf den Hund (Niklas Peinecke)

Das Paar, welches die Protagonisten dieser Story stellt, könnte so oder so ähnlich in sehr vielen  Haushalten realiter gefunden werden. Auch sind Werbungen für Nahrungsmittel mit entsprechenden  Additiven nichts wirklich neues, selbst wenn es sich um Futter für Hunde – im weiteren Sinne ebenfalls ein Nahrungsmittel – handelt. Was jedoch wenn Nanotechnologie, Hundefutter, Frust mit dem Partner und ein potentieller Ausweg im Mischen dieser Ingredenzien zusammenkommen? Dann entsteht eine im positiven Sinne befremdliche Geschichte.

Violets Verlies (Karsten Kruschel)

Violet – so schön wie der Name vermuten lässt ist diese Welt, der Planet auf dem eine Armada von Wissenschaftler versucht hinter die Geheimnisse eines Gebildes mitten im Ozean zu kommen, dessen bloße Existenz den Unbedarften auch noch hinter die Schwelle des Schlafes verfolgt. Aber hier ist sie nun mal, die Arbeitsstelle Laszlos und seiner Frau, die als leitende Forscherin an vorderste Front um Erkenntnisse kämpft. Der Ozeanwelt Violet, zumindest wird dies von den Gelehrten angenommen, werden von der Forschungsplattform mehr und mehr Geheimnisse entrissen, bis zu dem Tag an dem sich offenbart, wer das eigentliche Studienobjekt darstellt.

Fremde Augen (Arno Endler)

Viele Menschen können sich wenig schlimmeres in ihrem Alltag vorstellen, als zu erblinden; wie verlockend muss da das Angebot für einen Erblindeten sein, praktisch ohne offensichtliche Gegenleistung von einem  Gönner die Möglichkeit zu erhalten, wieder sehen zu können. Einzig ein kleiner chirurgischer Eingriff und eine kurze Reha sind notwendig. Und Anfangs halten die Implantate auch ihre Versprechen, übertreffen sie sogar teilweise… jedoch haben die Probanden die Rechnung scheinbar ohne den Wirt gemacht, der sich seinerseits als Rüstungslieferant bei weitem nicht als so selbstlos herausstellt, wie ursprünglich angenommen.

Handlungsreisende (Gerd Frey)

Aus einem Sammelsurium an grundsätzlich, ansatzweise nicht schlechten Ausgangsideen wird in dieser Erzählung versucht eine Handlung aufzubauen, die von Zeitreisen, über Aliens, Schwarzen Löchern und Mensch-Maschinen-Schnittstellen für eine degenerierte Menschheit ein Konglomerat loser Enden entwirft, die zumindest mich nicht überzeugen konnten. Aliens, welche die durch Unterhaltungssucht degenerierten Menschen – oder besser gesagt deren Gehirn – für sich nutzen wollen, sind von der Idee her auch nicht gerade neu, da sollte dann zumindest die Story überzeugen.

Der vorletzte Mensch auf Proteia (Japser Nicolaisen)

Es ist eine skurrile Welt auf der Kim, das Ergebnis einer Lagen Zucht und Auswahllinie, ihren Dienst versieht. Sie ist es die Proteia, einer Welt mit Bewusstsein, die Rohstoffe entlockt, die die Erde dringend benötigt. Proteia kostete schon die ein oder andere Kim den Verstand und somit das Leben. Sie ist ein Spiegel dessen der sie besucht / bewohnt. Welches menschliche Wesen aber hält es auf Dauer aus wenn sein Innerstes in der äußeren Welt Formen annimmt, die jedoch ob ihrer Toxizität zu keiner wirklichen Interaktion gedacht sind?

Der Valentino-Exploit (Uwe Post & Uwe Hermann)

Ein Kammerjäger, eine ältere anscheinend gut situierte Dame, eine begabte und ebenso schräge Hackerin haben eines gemeinsam: Rechnungen, die sie nicht begleichen können. Schlicht gesagt sind sie pleite. Kommen dann noch eine Armee von Cyberpets und ein wenig schicksalshafte Fügungen hinzu, dann erhält man eine sehr heitere, unterhaltsame Kurzgeschichte mit Tiefgang.

Gib dem Affen Zucker oder Fast ein Agententhriller (Kai Riedemann)

Etwas befremdlich, aber durchaus sehr amüsant zu lesen ist diese Kurzgeschichte. Eine die ihren Namen verdient: ganze 3 im wahrsten Sinne süße Seiten, nach denen der Leser eine andere Beziehung zu Torten mit Glasur entwickelt hat, werden hier geboten.

Tagebuch einer Göttin (Karina Cajo)

Viele bezeichnen es als Sklaverei, was Wissenschaftler mit den unter ständiger Beobachtung stehenden Feldarbeitern der archaischen Gesellschaften machen: sie „züchten“ sie als arbeitendes Volk, um die Erde mit Nahrung und Ressourcen zu versorgen. Dies alles geschieht jedoch ohne das Wissen der Arbeiter; sie glauben es seien die Götter, die ihnen medizinische Hilfe, Ideen, Einfälle und Erleuchtungen zukommen ließen. Mit den Emotionen, die eine dieser Göttinen gegenüber einem ihrer „Schützlinge“ entwickelt, hatten die Experten jedoch so nicht gerechnet. Eine unerwünschte Variable, auf deren Entfernung gedrängt werden muss.

Die Farbe der Naniten (Thomas Templ)

Bios stellt sich, wie es in ihrer Kultur üblich ist, ihrer Initiationsreise in eine für sie fremde Welt und Kultur. Mitten in einem dörflichen Idyll wird sie Zeuge des Überfalls einer verfeindeten Gruppe Fremder und lernt auf diese Art und Weise sich mit ihren Fähigkeiten auseinanderzusetzen. Einen nicht unerheblichen Anteil an ihrer Entwicklung hat dabei die Zuneigung, welche sie gegenüber einem Jungen aus dem Dorf entwickelt.

In der Freihandelszone (Heidrun Jänchen)

Bei dieser interessanten Geschichte spinnt die Autorin einen Gedankenfaden zum Thema Eigentum, Patentierbarkeit… und Ausbeutung, der immer wieder das ein oder andere Déjà-vu aufkommen lässt, wenn man aktuelle Nachrichten über Patentrechtsstreitigkeiten mit ihren astronomischen Streitsummen und absurden Gegenständlichkeiten verfolgt. In logischer Konsequenz wäre / ist doch auch die Information in Genomen patentiertbar. Wieso dann nicht auch jenes des Menschen? Was aber wenn das Patentrecht dann nicht mehr beim Menschen, sondern in Händen eines nicht menschlichen Handelspartners läge?

Das Versprechen (Armin Rößler)

Vic Smenan ist Soldat. Als solcher auch nicht zart besaitet, nicht umsonst hat er unzählige Auseinandersetzungen auf den verschiedensten Welten er- und vor allem überlebt. Jedoch gibt es einen Dorn in seinem Geist, der ihn immer und immer wieder fast zum Wahnsinn treibt: ein Versprechen gegenüber einem seiner Mitstreiter, welches er gebrochen hatte, als dieser ihn am dringendsten gebraucht hätte. Plötzlich steht eben dieser tot Geglaubte auf Penquareel vor ihm, verändert, aber immer noch der Mann den er im Stich ließ. Um so überraschender entwickelt sich das Treffen der beiden, vor allem für Vic Smenan dessen Leben danach nicht mehr dasselbe ist wie zuvor.

Fazit:

Recht viel besser kann man es nicht machen. Lesenswert, empfehlenswert in bester Wurdack-Manier. Die Kurzgeschichte von Karsten Kruschel (Violets Verlies)- sie erinnert mich ein wenig an Solaris von Lem – ist mein Favorit in dieser Zusammenstellung. In sich stimmig, spannend und fesselnd erzählt, stellt sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Welt für sich dar. Das andere Ende der Erzählkunst in diesem Band markiert für mich Handlungsreisende von Gerd Frey.

Zum Buch:

Der Buchblock ist sehr solide verarbeitet, die Papierqualität ausgezeichnet und die Textgestaltung, sowie Schriftbild sind dazu angetan, sich beim Lesen wohl zu fühlen. Auch hier wurde wieder ein bewährtes Konzept, wen auch etwas variiert, beibehalten, die Autoren der Geschichten kurz in einem Textblock am Beginn der Erzählungen vorzustellen.

Buchdaten :

  • Titel: „Emotio“
  • Herausgeber: Armin Rößler und Heidrun Jänchen
  • Broschiert: 288 Seiten
  • Verlag: Wurdack; Auflage: 1., Aufl. (19. Juli 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3938065753
  • ISBN-13: 978-3938065754
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
  • Größe und/oder Gewicht: 21,4 x 13,6 x 2,8 cm

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