Entschleunigt …

By | 27. August 2013

"Die Entdeckung der Langsamkeit" - Sten Nadolny„Langsamkeit kam zu Ehren, Schnelligkeit stand zu Diensten.“ (S.193)

Zum Inhalt:

Als kleiner Junge in England mit dem Handicap eines langsamen Geistes aufzuwachsen war schwer. Keiner konnte das besser beurteilen als John Franklin, zumal ein langsamer Geist keineswegs einen wenig wachen Verstand bedingte. Durch all die gemeinen Stichelein und hinterhältigen Boshaftigkeiten des schulischen Alltags schon an vieles gewöhnt, verschlägt es den jungen Franklin zur Marine. Er schien glücklich, denn das Meer war stets eine fixe Größe in seinem Streben. Er erlebt die Seeschlachten von Kopenhagen und Trafalger, wobei er in seiner bedächtigen Art zu der Einsicht gelangt, dass „über die Unsinnigkeit einer Schlacht zu reden, dem Krieg selbst Sinn beimessen hieße.“ (S.155).

Franklin sieht sich selbst als Entdecker, ein wenig als Erfinder, aber v.a. als ein Beobachter; getreu dem Motto: „Ich bin mir selbst ein Freund. Ich nehme ernst, was ich denke und empfinde. Die Zeit, die ich dafür brauche ist nie vertan.“ (S.209). Um zu dieser fast abgeklärten Haltung zu gelangen brauchte es einen langen, steinigen Weg, den er zu seinem Glück und nicht selten zu seiner Überraschung von treuen Freunden gesäumt sah. Die Teilnahme an Flinders´ Australienreise, der Beinahetod auf dem Gewaltmarsch durch die „Barren Grounds“, sowie der Kontakt mit der viel zu schnellen und intriganten Welt der Politik als Gouverneur von Tasmanien meißeln einen Menschen aus der Lebensgeschichte, der sich seine felsenfeste Unbeirrbarkeit erarbeiten und sie der Schnelligkeit des Lebens ringsum abtrotzen muss.

Sein ungeheurer Erfahrungsschatz, die vielseitige Begabung, ein phänomenales Gedächtnis und die rechten Begleiter zur rechten Zeit bringen in Franklin die verwegensten Gedanken auch zu Themen wie Strafvollzug, Schuldbildung und Bestimmung des Individuums zur Reife. Einiges davon kann er in Australien als Gouverneur umsetzen, v.a. durch seine größte Stärke: Langsamkeit. Beharrlich ein Ziel verfolgend, um einen Weg zu erreichen (S.197).

Wieder zurück in England am Zenit seines, auch für ihn überraschenden, Erfolges gelingt es ihm mit den Schiffen HMS Terror und HMS Erebus einen Traum weiterzuspinnen, der ihn nie losgelassen hatte: die Entdeckung der Nordwestpassage…

Fazit:

Das Gerüst des Schiffes, welches Sten Nadolny in Form seines lose biografischen Entwicklungsromans in den Gewässern der Leserfantasie auf die Reise schickt erhält mit jeder Seite ein Stück mehr seiner minutiös arrangierten Takelage. Am Ende dieser Fahrt wird John Franklin, wie ihn Sten Nadolny entworfen hat, eine jener Figuren sein, deren beharrliche Suche nach der eigenen Geschwindigkeit noch lange im Bewußtsein nachklingt, um im günstigsten – und nicht unwahrscheinlichsten Fall – Veränderungen des Sehens ins Rollen zu bringen.

Nadolny weist den Leser in seinen bibliographischen Notizen (S.375), sowie dem für sich schon lesenwerten Nachwort, darauf hin, dass „sein“ Franklin konstruiert ist. Angelehnt an den historischen britischen Konteradmiral und Polarforscher gelingt es ihm die Frage nach der eigenen (Lebens-) Geschwindigkeit aufzuwerfen, ebenso wie nach der immer wiederkehrenden Frage nach der Navigation und dem Kurs des eigenen (Lebens-) Schiffes.
Eines der beeindruckendsten, bewegendsten Bücher, die ich gelesen habe und vorbehaltlos zu empfehlen.

Zum Buch:

Für ein Buch dieses Umfanges ist der Buchblock gut verarbeitet. Typographie (gesetzt aus der Sabon) und Druck sind kontrastreich, angenehm lesbar und sauber ausgeführt. Die Umschlaggestaltung, dargestellt wird ein Ausschnitt aus „Die ›Fighting Téméraire‹ wird an ihren Ankerplatz geschleppt“ von 1839), trägt wesentlich dazu bei, der Geschichte einen ansprechenden optischen Rahmen zu geben. In Summe ein solides, haptisch ansprechendes Taschenbuch.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Entdeckung der Langsamkeit“
  • Autor: Sten Nadolny
  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Piper
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492207006
  • ISBN-13: 978-3492207003
  • Größe und/oder Gewicht: 19,2 x 12 x 2,7 cm

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