Es bleibt beim Versuch…

By | 4. Dezember 2015

Es bleibt beim Versuch... - "Centum Night" - Lou Timisono„»Die Lüge ist der Wegbereiter der Apokalypse.«“ (S.36)

Zum Inhalt: Die nicht nur geografisch strikt aufgeteilte Gesellschaft im 21. Jahrhundert, entstanden nach einem verheerenden Krieg, baut den sorglosen Wohlstand Weniger auf dem Rücken einer perspektivlosen, verarmten Masse von Menschenmaterial, deren brodelndes Ressentiment nur auf einen zündenden Funken zu warten scheint. Diese explosive Mischung macht sich eine im Versteckten operierende kriminelle Organisation zu nutze, deren subversives Netzwerk bis in die höchsten Kreise der führenden Schichten der Techno-Aristokratie reicht. Als Trittbrett dient dabei eine mittlere gesellschaftliche Pufferschicht, deren Mitglieder durch ein ausgeklügeltes System an sozialen Sanktionen und Bonusanreizen bei der Stange gehalten werden, und die in relativem Wohlstand ihr Dasein verbringen.

Medizinisch und technisch unterstützter Jugendwahn, eine technisch realisierte totale staatliche Überwachung, ein durch Indoktrinierung ins Maßlose gesteigertes Egomanentum nuancieren und emotional deprivierte Charaktere bevölkern die Bühne der Geschichte, deren Versatzstücke sich aus dem großen Fundus der „üblichen Verdächtigen“ vieler Dystopien rekrutieren: medizinische Lebenselixiere, ein hochentwickeltes militärisches Arsenal, düstere Kriminellenghettos, ein fast allmächtiger Militär- und Polizeiapparat, die ein oder andere meist tragische Liebesbeziehung, körperliche und speziell auch sexuelle Brutalität, garniert mit etwas Kloneforschung auf den letzten Seiten.

Dass durchweg spannendste erzählerische Element stellt eine Serie von Mordfällen dar, deren Aufklärung den Leser in die Denkweise, die dunklen Abgründe und die menschlichen Tragödien einer denkbaren soziografisch pervertierten Gesellschaft eindringen lässt.

Fazit: Am rückseitigen Umschlag findet sich der Satz: „Eine Orwellsche Vision für das 21. Jahrhundert“, welcher die Latte für das Buch ausgesprochen hoch legt. Und – soviel sei vorweggenommen – sie bleibt unberührt, da weder sprachlich noch inhaltlich die Gefahr besteht, dass der Text auch nur in die Nähe dieses Maßes käme. Zum einen ist es die unsägliche Art einen für die Komplexität des Entwurfes mit 355 Seiten ohnehin nicht sonderlich umfangreichen Text in über 51 (!) Kapitel aufzuteilen. (Dies ist keinesfalls stilistisch sonderlich sinnvoll und schon gar nicht in Hinblick auf den Lesefluss.)

Zum anderen kommt noch – und dabei wären wir wieder beim Lesefluss – erschwerend hinzu, dass die Autorin (Kunst-) Begriffe in den Text einfließen lässt, deren Erklärung sich im Glossar ab S.337 – 355 finden. Um über die ersten paar dutzend Seiten zu kommen, ohne dabei gänzlich den Faden zu verlieren, sieht sich der Leser immer wieder genötigt im Glossar nachzuschlagen, was denn nun genau mit dem verwendeten Begriff in diesem Zusammenhang gemeint sei.

Inhaltlich bietet der Text für Leser die schon einige dystopische Literatur verinnerlicht haben wenig bis gar nichts neues. Das Versprechen, welches jedoch definitiv eingehalten wird, findet sich auch als Teaser auf der Homepage zum Buch : „Die tabulose Abrechnung mit einer von unstillbarem Machthunger, ausufernder Gewalt und emotionaler Verkümmerung geprägten Gesellschaft.“

Zum Buch: Der über 355seitige Buchblock ist sehr gut verleimt und stabil im den flexiblen Umschlag verarbeitet. Die Titelbildgestaltung ist treffend gewählt, sowohl in Farbgebung als auch inhaltlicher Gestaltung. Die Haptik des Seitenbedruckstoffes hinterlässt einen angenehmen Eindruck und beeindruckend gut wurde die typografische Herausforderung an den Text angenommen, eben diesen unabhängig von der grobtextuellen Einteilung in Kapitel optisch ansprechend zu gliedern.

Handwerklich hinterlässt das Buch einen soliden Eindruck und gibt sich auch drucktechnisch keine Blöße.

Buchdaten:

  • Titel: „Centum Night – Der freie Fall“
  • Autor: Lou Timisono
  • Umfang: 355 Seiten
  • Verlag: Balladine Publishing
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-945035-17-7
  • Größe: 20,3 x 13,3 x 3 cm

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