Fantastische Dystopien …

By | 2. September 2013

"Spaziergänge am Rande des Abgrunds" - Alain Dorémieux„Was das Wort »Glück« betraf, so war es zu einem archischen Ausdruck geworden, sein zeitgemäßes Synonym hieß »Komfort«.“ (S.80)

Zum Inhalt:

Im Krankenhauszimmer: Aufwachen in einem sterilen Klinikzimmer, keine Erinnerung, nicht einmal der eigene Name will ins Gedächtnis zurückkommen. Ärzte die experimentieren, Tage die ineinander verschwimmen, Realitäten die keine sind.

Gefangener der Insektenfrauen: Wenige Überlebende einer globalen Katastrophe, v.a. wenige Männer. Zu kleineren Gruppen organisiert werden sie von Wesen gejagt, die früher einmal menschliche Frauen waren, nun aufgrund einer Transmutation in insektenstaatlich aufgebauten Gebilden leben. Und auch entsprechend leben, was die Gefangenen am eigenen Leibe feststellen müssen.

Der Turm: Der Planet, man nannte ihn einst Erde, ist bar jeden Lebens. Larcan, der letzte noch existierende Mensch wartet in seinem Refugium, einem Wohnturm aus „besseren“ Zeiten, auf das Ende der Generatoren, und somit sein eigenes. Gefangen in im Schutz der Überreste jener Zivilisation, die seinen Untergang bedingt.

Die Tiere: Parasitische, vampirähnliche Lebenwesen bedienen sich junger weiblicher Menschen, um ihr Überleben auf der Erde zu sichern.

Begegnungen der vierten Art: Zusammentreffen von Menschen mit außerirdische Lebenwesen, welche die Erde zur Kontaktaufnahme besuchen. Befremdlich und etwas frivol in der Annahme, dass die Kontaktaufnahme in erster Instanz sexueller Natur sein solle.

Welche Katastrophe: Orthez kehrt von einem Auslandsaufenthalt mit dem Zug in seine Heimat zurück. Je näher er seiner Heimatstadt kommt, desto mehr erkennt er, dass diese in keinster Weise mehr dieselbe ist, die er einst verlassen hat. Zu behaupten, dass die Zugfahrt nach Hause in einem bösen Erwachen endet, würde voraussetzen dass es am Ende ein Erwachen gäbe.

Die Vana: Eine übervölkerte, von Sozialgesetzten bestimmte Gesellschaft der zukünftigen Menschheit bildet die Bühne der Geschichte. Die Vana, als Tiere von einem Planeten in der Oriongegend importiert, mit einer frappierenden Ähnlichkeit mit menschlichen Frauen, entpuppen sich als Träger eines Virus, der ihre Besitzer tötet.

Alptraum in Rosa: Routine macht nachlässig, v.a. wenn man auf einem trostlosen Wüstenplaneten ohne erkennbares höher entwickeltes Leben in einer Forschungstation zu zweit seinen Dienst versieht. Nachlässigkeit die tödlich enden kann, v.a. wenn man die ansässige Flora unterschätzt.

In eine ferne Fremde: Wie lange dauert es wohl bis ein soziales Wesen wie der Mensch seines Lebens überdrüssig wird, wenn er sich der Erkenntnis gegenüber sieht, der letzte seiner Art zu sein?

Wie ein Vogel der davonfliegt: In anderen Menschen zu lesen wie in einem offenen Buch; seit ihrer Verschmelzung mit einem Symbionten ist Vera dies möglich. Der Preis dafür übersteigt allerdings ihre Vorstellung bei weitem und eine beklemmende, psychische wie physische Odyssee beginnt für das erst zwölfjährige Mädchen.

Fazit: Wer in den vorliegenden Novellen, die in deutschesprachigen SF überwiegende Ausrichtung auf klassisch technische Themen erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Alain Dorémieux, der u.a. von 1958 bis 1974 die Zeitschrift Fiction als Chefredakteur leitete, prägte mit seinen introspektivischen Dystopien das französische SF-Autorenfeld entscheidend mit. Die Geschichten aus seiner Feder bilden einen angenehm verstörenden Kontrapunkt zu techniklastigen Zukunftsentwürfen anderer SF-Sparten.
Helga Abret, die einige der Geschichten in diesem Band übersetzt hat, schrieb das Nachwort im Jahre 1980 zu dieser Novellensammlung. Zwar hat sich seit dieser Zeit auch im deutschen Sprachraum einiges in Hinblick auf die Anerkennung der SF als „echte“ Literaturgattung getan, doch hilft der Rückblick die historische Position der deutschen SF im Vergleich zu jener der französischen Kollegen besser zu verstehen und ist aus diesem Grund schon lesenwert.

Zum Buch: Die Verleimung des Buchblockes lässt leider stark zu wünschen übrig, so dass sich schon bei mäßiger Beanspruchung des Buchrückens beim Aufschlagen Seiten lösen können. Das Umschlagbild, gestaltet von Karel Thole, passt thematisch sehr gut zu den Inhalten der dystopisch, fantastischen Geschichten des Autors. Die Texte sind gut lesbar in einem sauber gesetzten Schriftbild gehalten. Das qualitativ eher schlechte Papier neigt leicht zum Vergilben, weshalb man das Buch nicht unbedingt auf das Fensterbrett in die Sonne stellen sollte ;-).

Buchdaten:

  • Titel: „Spaziergänge am Rande des Abgrunds“
  • Autor: Alain Dorémieux
  • Gebundene Ausgabe: 190 Seiten
  • Verlag: Heyne (1982)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-453-3788-7
  • Größe und/oder Gewicht: 18 x 11,5 x 1,1 cm

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