Flüchtlingsdrama

By | 21. Mai 2015

"Friesennot" - Werner_Kortwich„Sie schienen ihm wie Kinder, die Schmerzen haben und sich wundern, daß ihr Vater ihnen nicht helfen will“ (S.46)

Zum Inhalt: Ein handvoll friesischer Mennoniten gründete vor einigen Generationen in den abgelegenen russischen Wäldern eine für sich bleibende, streng religiös orientierte Gemeinschaft, die in ihrer Einfachheit den Mitgliedern ermöglichte zum einen ihren Glauben zu leben, zum anderen ein karges, aber dennoch zufriedenes Leben zu führen. Der Machtwechsel in Russland, von der zaristischen Herrschaft hin zur kommunistischen Führung geht auch am Dorf der Friesen nicht ohne Spuren vorüber. So werden zum einen Soldaten für den Krieg rekrutiert, von denen nur einer zurückkehrt und in weiterer Folge Abgaben eingetrieben, um das hungernde Land zu nähren. Unter der Führung sogenannter Kommissare sind Kosaken für Einhaltung der Fristen für die Lieferung der Naturalien zuständig, wobei sie ihren Auftrag nicht selten zu ernst nehmen und auf Kosten der ohnehin darbenden Bauern ein verschwenderisches Leben im Dorf führen.
Die tradierten Glaubenssätze, die der Dorfvorsteher nicht müde wird seinen Mitbürgern ins Gedächtnis und Gewissen zu rufen, geben den Friesen zum einen vor, jedwede Obrigkeit als von Gott eingesetzt hinzunehmen und zum anderen auch die schmerzlichsten Entbehrungen als Prüfung zu dulden. Erst als es zu Übergriffen auf die Frauen und Töchter im Dorf durch die Kosaken kommt, bei denen auch Tote zu beklagen sind, hält auch der sonst extrem pazifistische Dorfvorsteher nicht mehr an sich. In einem blutigen Massaker werden die Kosaken und der Kommissar dahin gerafft, was auch das Schicksal des Standortes für das Dorf besiegelt. Die Bauern verbrennen die gesamte Siedlung und machen sich erneut auf um „eine neue Heimstätte für ihr altes Dorf“ (S.78) zu suchen.

Fazit: Eine recht einfach gestrickte und recht flache Geschichte, die ebenso schnell gelesen wie vergessen ist. Besonders negativ fällt die Historie des Textes auf, der Grundlage für den gleichnamigen NS-Propagandafilm (erschienen 1935) war. Diesen bitteren Beigeschmack kann auch die Aufnahme der Erzählung in die Insel-Bücherei nicht tilgen.

Zum Buch: Wie es Bücher aus der Insel-Bücherei so an sich haben, ist auch hier die Bindung sauber realisiert, der Einband ansprechend gestaltet und die Typografie (Fraktur) schön gedruckt.

Buchdaten:

  • Titel: „Friesennot“
  • Autor: Werner Kortwich
  • Ausgabe: 78 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 12 x 0,9 cm

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