Frivoler Ruf nach Menschlichkeit – Rezension zu „Wendekreis des Steinbocks“ von Henry Miller

By | 27. Januar 2018

"Wendekreis des Steinbocks" - Henry Miller

„Du lebst von den Früchten deines Handelns, und dein Handeln ist die Ernte deines Denkens.“ (S.298)

Zum Inhalt:

Mit „Wendekreis des Steinbocks“ schuf Henry Miller zusammen mit „Wendekreis des Krebses“ ein autobiografisches Werk, dem in den Kreisen seiner Verehrer beinahe religiöser Inhalt nachgesagt wird bzw. wurde. Dabei kamen auch Größen wie George Orwell oder Ernst Jünger an einer Auseinandersetzung mit Millers Schaffen nicht vorbei.

Beschränkt man sich auf eine oberflächliche Lektüre könnte man leicht dem Fehlurteil anheimfallen, es handle sich bei dem Text nur um eine teils recht wahllose Aneinanderreihung sehr freizügiger Schilderungen sexueller Eskapaden, sowie einem langgezogenen Lamento über die Schlechtigkeit der Welt und Amerikas im Speziellen. Es bedarf etwas eingehenderer Auseinandersetzung nicht nur mit dem Text, sondern auch mit der Person des Autors, sowie dessen geschichtlichem Kontext, um ein Verständnis für den verbalen, deshalb jedoch nicht minder brachialen künstlerischen Befreiungsschlag Millers zu entwickeln und die überaus metaphernreiche Sprache dechiffrieren zu können. War in „Wendekreis des Krebses“ Paris noch im geografischen Fokus, so legen sich die Strahlen des schriftstellerischen Brennglases in diesem Band auf Amerika, genauer New York.

„Das Fragmentarische, Zerrissene von Millers erstem großen Buch weicht in Tropic of Capricorn einer einheitlichen, von der wachsenden Erkenntnis des Irrsinns dieser Welt und besonders der großen Städte bestimmten Perspektive.“1) Der Archetyp hierfür stellt für den Autor New York mit seinen Häuserschluchten, seiner verblendenden Psychopathologie, seiner menschen- und lebensverachtenden Perversion eines Zerrbildes des amerikanischen Traums dar. In drastischen Analogien, teils rüden verbalen Eskapaden und einer sicher nicht im üblichen Sinne salonfähigen Sprachwahl beschreibt Miller die Stadt als einen Moloch dem gescheiterte Existenzen als willfährige Nahrung dienen, welche nach durchlaufen der voranschreitend mechanisierten Eingeweide einer auf Entmenschlichung getrimmten Maschinerie als gesellschaftliches Strandgut einem sinnfreien Tod entgegenvegetiert.

Der Fokus wird immer wieder auf die teils leicht zu durchschauenden, teils gefinktelten Regeln einer zutiefst abstoßenden und pervertierten Gesellschaft gelenkt, deren sich Miller als Künstler, jedoch noch vielmehr als Mensch verweigern will. Dabei klingt auch (s)eine Sympathie für die ihm seelenverwandte Bewegung der europäischen Surrealisten und Dadaisten an. Bemüht man sich nicht auch etwas zwischen den Zeilen zu lesen, entginge einem der Humor bzw. die ehrliche Suche nach Menschlichkeit die Miller immer wieder nach jedem Fall, jedem Tiefschlag aufstehen lässt, die Hoffnung nicht aufgebend, jenen Lichtschein der Humanität am Horizont menschlicher Geschichte und sozialen Zusammenlebens zu finden, die ein sich täglich Gegen-den-Tod-Stemmen rechtfertigt.

Fazit:

Es ist wahrlich keine leichte Lektüre, die man als Leser mit diesem Text in Händen hält. Zartbesaitete oder jene, die vor expliziten Schilderungen sexueller Handlungen zurückschrecken, sollten die Finger davon lassen. Ebenso ist es kein Roman für mal eben zwischendurch. Es bedarf Geduld, etwas Recherche und eines offenen Herangehens, um dem Text den nötigen Widerhall im eigenen Kopf zu ermöglichen. Nicht umsonst zählt Millers Werk zu dem, was als Weltliteratur tituliert wird.

Zum Buch:

Der Band vermittelt äußerlich einen wertigen Eindruck, die festen leinenbespannten Buchdeckel werden von einem mit seinem Grün zum Rot des Leinens kontrastierenden Schutzumschlag umgeben und der Bedruckstoff ist von akzeptabler Qualität. Woran gespart wurde ist die Druckqualität (Beispiele siehe hier) und die typografische Gestaltung. Ersteres spiegelt sich in teils fehlenden Lettern oder Teilen derselben wider, Zweiteres lässt den Text als eine Art Bleiwüste und entsprechend ermüdend in der Lektüre wirken. An der Verleimung des Buchblockes gibt es nichts auszusetzen, so dass der Leser in Summe ein handwerklich passabel realisiertes gebundenes Werk der Weltliteratur in Händen hält.

Buchdaten:

  • Titel: „Wendekreis des Steinbocks“
  • Autor: Henry Miller
  • Umfang: 318 Seiten
  • Verlag: Lizenzausgabe mit Genehmigung des Rowohlt Verlages
  • Sprache: Deutsch
  • Buchnr.: 8060 (Buchgemeinschaft Donauland)
  • Größe: 21,0 x 13,0 x 2,8 cm

1)  Kindlers Literatur Lexikon Bd.11, S. 704

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