Gattungsschöpfer -Rezension zu „Utopia“ – Thomas Morus

By | 26. September 2017

"Utopia" - Thomas Morus„Zu den Göttern ist es von überallher gleich weit…“ (S.16)

Zum Inhalt:

Grobtextuell setzt sich Morus‘ staatsphilosophische Schrift aus 2 Teilen zusammen, wobei ersterer in einer Art Streitgespräch verpackt die Kritik an den Willkührlichkeiten europäischen Rechts-, Staats- und Gesellschaftssystemen übt, mit besonderem Augenmerk auf jene Englands, deren Zusammenhänge Sir Thomas More nur allzu gut bekannt waren.

Im zweiten Teil entwirft er das sozialutopische Bild einer nach seiner Auffassung idealen Gesellschaft, die er auf der Insel Utopia ansiedelt. Im Plauderton, jedoch mit viel Esprit und Eifer schildert er reiseberichthaft seine Erlebnisse mit den in hohem Grad selbstbestimmten Einwohner einer sozialen Ordnung deren Grundfesten auf Werten wie Religionsfreiheit, Einheit der Familie, einem von der Allgemeinheit getragenen hochgeachteten Bildungsideal, dem Respekt und Ansehen des Individuums, sowie eines als Republik ausgeprägten Staatswesens getragen wird. Die Produktion der Güter ist auf jene konzentriert, deren Bedarf vorrangig ist, wodurch es dem Einzelnen möglich ist, mit einem Minimum an Arbeitszeit ein Maximum an Wertschöpfung für sich und die Gemeinschaft zu erwirtschaften, was wiederum Zeit für die individuelle Entwicklung in Sachen Wissen sowie sozialen und handwerklichen Fertigkeiten freispielt. Dabei besteht sehr wohl Arbeitspflicht für jeden Einwohner Utopias – ungeachtet seines Geschlechts –, jedoch für nur 6 Stunden täglich. Die Arbeitsaufträge werden auch in einem zeitlichen Rad immer wieder gewechselt, so dass Städter auf dem Land arbeiten und umgekehrt, was eine gegenseitige Wertschätzung der Arbeit, sowie eine breite Kompetenzenbildung fördert.

Wissenschaften, Philosophie und Staatswesen werden ebenso wie Religion hoch geschätzt, darauf achtend, dass Fanatismus und Exklusivitätsallüren kein Raum gegeben wird. In der Interaktion mit den Nachbarstaaten und der Erläuterung des eigenen Strafrechtssystems wird schnell klar, das die Utopier nicht davon ausgehen, dass alle Welt stets jedem wohlgesonnen ist. Auch hier entspinnt Morus ein komplexes Gewebe an diplomatischen Regeln, rechtstaatlichen Sanktionen und Überlegungen u.a. zur Staatsräson, wie es z.B. möglich wäre Rechtsbrechern entweder eine Chance auf Rehabilitation oder eine Abschreckung zu geben, die der Schwere des Vergehens angemessen wäre. (Ein Thema, welches er im ersten Teil des Werkes anhand der Todesstrafe sowohl für Diebe, als auch für Mörder ausführt, davon ausgehend, dass dies der falsche Weg sei.) In ähnlicher Form thematisiert er auch das heiße Eisen der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Staaten.

Fazit:

Über Thomas Morus (um den 7. Februar 1478 in London; † 6. Juli 1535Werk ebenfalls in Londong) „Utopia“ wurde bereits viel geschrieben, geforscht und veröffentlicht, was also hier noch dazu schreiben?

Was mich bewegte den Text zu lesen war… der Titel, und der Nimbus, der dieses Werk umgibt, das immerhin nicht selten als genrebegründend angeführt wird. „Utopia ist der Titel eines um 1516 veröffentlichten Romans des Humanisten Thomas Morus (Thomas More), der namensgebend für die utopische Literatur war (Originaltitel: De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia, „Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia“)1) 2). In der Übersetzung von Alfred Hartmann gelingt es zum einen das Timbre Morus‘ Zeit zu erhalten, zum anderen aber auch eine Portierung der humanistischen Grundideen in die Jetztzeit zu erreichen. Und auch wenn es – wie schon der Titel besagt – eine Utopie ist, so wären Politiker, kirchliche Würdenträger und soziale Entscheidungsträger jeden Couleurs gut beraten dieses Werk als Pflichtlektüre anzusehen.

Die Probleme, Zielsetzungen und einige überlegenswerte Ansätze in „Utopia“ sind keineswegs überholt, nur weil sie vor einigen hundert Jahren bereits jemand verschriftlicht hatte. Eher das Gegenteil ist der Fall. Es ist und bleibt ein beeindruckender Entwurf einer Gesellschaft deren Ideale durchaus erstrebenswert genannt werden dürfen. Ernst Bloch titulierte es einen „der edelsten Vorläufer des Kommunismus“ (Bloch 1985, S. 601)3).

Hilfreich für das Textverständnis in diesem Band sind die beiden Schlusskapitel „Anmerkungen“ und „Erasmus von Rotterdam über Thomas More“.  Ersteres versucht u.a. Licht auf die von Autor verwendeten „in spielerischen Willkür aus griechischen Bestandteilen zusammengestückelten Eigennamen“ (S.185) zu werfen. Zweiteres charakterisiert die Person Morus‘ aus Sicht seines treuen Freundes Erasmus von Rotterdam.

Zum Buch:

Spartanische Schlichtheit ist das Erste das dem Leser am Band aus dem Diogenes Verlag ins Auge sticht. Dies trifft nicht nur auf die Einbandgestaltung, sondern auch auf die Farbgestaltung und Typografie zu. Die Verleimung des Buchblockes ist sehr stabil gelungen, die Textur des Bedruckstoffes von angenehmer Haptik, somit insgesamt ein Buch dessen primärer Fokus zu recht auf dem Inhalt und weniger auf der buchhandwerklichen Gestaltung liegt.

In der typografischen Makrostruktur des Textes fällt am Ende der beiden Textteile aus Morus‘ Feder auf, dass die letzten 9 Zeilen des jeweiligen Schlussabsatzes zentriert in Form eines auf der Spitze stehenden Dreiecks zusammenlaufen – ein durchaus interessantes Gestaltungselement (hier ein Beispiel). Der Fachbegriff hierfür ist die Spitzkolumne. Kleinere Lapsus in puncto Druck sind durchaus verschmerzbar – hier ein Beispiel.

Buchdaten:

  • Titel: „Utopia“
  • Autor: Thomas Morus
  • Umfang: 200 Seiten
  • Verlag: Diogenes (1981), Birkhäuser Verlag Basel (1947)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-257-20420-5
  • Größe: 18,0 x 11,3 x 1,3 cm

Quellen:

1.) Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Utopische_Literatur
2.) Defining the Genre: Utopia an Dystopia: http://fandomania.com/defining-the-genre-utopia-and-dystopia/
3.) Bloch, Ernst (1985): Das Prinzip Hoffnung. In fünf Teilen. Werkausgabe. Bd. 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp

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