Gesellschaftsspiegel

By | 3. Mai 2016

Gesellschaftsspiegel - "Und vergib uns..." - Sigrid Kleinsorge„Vielleicht stimmte es, irgendwo habe ich das gelesen, dass wir selten an das denken, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.“ (Pos. 2196)1)

Zum Inhalt: Unspektakuläre Alltagsgeschichten, scheinbare Jedermannsschicksale und die beinahe gewohnten Unwägbarkeiten der in der „zivilisierten“ Welt Eingebetteten sind es, die den Einstieg in die Lebens-Geschichten des Textes bilden. In diese gleichmäßig dahinplätschernden Lebensströme, geprägt von der als selbstverständlich hingenommenen, ja schier eingeforderten, Wohlstandsgesellschaft dringt Fremdes ein. Fremdes, das sich in Sprache und Ausdruck, in Glaube und Weltanschauung, und nicht zuletzt schon im simplen Aussehen, einer angelernt reflexartig einfachen Zu- und Einordnung zu entziehen scheint.

Eben dieses Fremde, ob in Form der medial allgegenwärtigen Flüchtlingskrise, eines menschlichen Fehlers der „zum unzeitigen Verlust eines sinnvollen Lebens“ (Pos. 1157) führt, in der Aufgabe gewohnter Normen und liebgewonnener Rituale und dem vermeintlichen oder wirklichen Verlust von Kontrolle – über Menschen, wie über Entwicklungen – löst die basalste der menschlichen Reaktionen aus: Furcht.

Es sind die unbeeinflussbaren Veränderungen denen sich die Protagonisten stellen müssen: Ein junger Syrer, der versucht sein Leben in Deutschland durch Arbeit und gelebte Integration in den Griff zu bekommen, stets den Dämon des Krieges und der Verfolgung im Nacken. Eine Ärztin deren Selbstvorwürfe ihr Berufs- und Privatleben nachhaltig aus der gewohnten Bahn werfen. Zwillingsschwestern von denen sich die eine von Heute auf morgen als Pflegefall und die andere als Pflegerin wiederfindet. Ein intelligenter, junger Mann, der einer Gesellschaft den Rücken kehren will, in der „… die Menschen mehr und mehr mit dem Konsum und dem Vergnügen der Selbstdarstellung, dem das Selbst hinterherhinkte, beschäftigt waren, …“ (Pos. 1310) und der in dem faszinierend Fremden eine ihm entsprechende Richtung und sinnerfüllende Ordnung zu sehen glaubt.

Eine Großmutter deren fein säuberlich zusammengezimmerte Welt in der Auseinandersetzung mit den ihr plötzlich befremdlichen Verhaltensweisen ihrer pubertierenden Enkelin aus den Fugen gerät. All diese Menschen von nebenan sehen sich mit einem schicksalhaften Wandel konfrontiert, dessen Geschwindigkeit sie nicht beeinflussen können, dessen gezeitengleiche Unaufhaltsamkeit die einzige Fixgröße in einem aus den Fugen geratenen Leben zu sein scheint.

Fazit: Es geht Sigrid Kleinsorge auch in diesem bewegenden Text, wie bereits in ihren vorangegangenen Büchern2), schlicht um Menschen. Was unspektakulär klingt, fesselt in seiner eindringlichen Aktualität und der sprachlichen Eleganz. Jeder der dargestellten Charaktere birgt für den aufmerksamen Leser einen ungemein hohen Wiedererkennungsfaktor, ist in sich stimmig geschildert – was keineswegs die Zerrissenheit mancher Seele abschwächt – und ist verknüpft durch einen teils lockeren Handlungsfaden, der das filigrane Geflecht einer scheinbar sicheren Gesellschaft widerspiegelt. Wie schon in „Die Abuela“ wird auch hier u.a. wieder ein zentrales Thema der Autorin thematisiert: der Umgang mit Veränderungen im Allgemeinen und im Alter im speziellen. Und wieder fällt auch in diesem Text die Absenz jedweden moralischen Zeigefingers auf, eine jener Eigenschaften, die Sigrid Kleinsorges Texte in meinen Augen ausgesprochen wertvoll, wenngleich frei jeder Wertung machen.

Buchdaten:

  • Titel: „Und vergib uns…“
  • Autor: Sigrid Kleinsorge
  • Ausgabe: Kindle Edition (223 Seiten Print)
  • Verlag: Amazon Media EU S.à r.l. (2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01DO8Z8K6
  • Dateigröße: 630 KB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares
(2) Weitere Bücher von Sigrid Kleinsorge: „Die Abuela“, „Das achte Zimmer“, „Das Trio“

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