Hätte ich doch nie…

By | 3. April 2014

"Die unziemliche Neugier" - Miguel de Cervantes Saavedra„Überlege, daß das, was Du gewinnen kannst, klein, und was Du verlieren könntest, so groß ist, daß ich es nicht zu schildern unternehme, weil mir dazu Worte und ausdrücke mangeln.“ (S.19f)

Zum Inhalt: In Florenz lebten zwei reiche, vornehme Ritter, Anselmo und Lotario, deren Freundschaft über alle Zweifel erhaben und weit im Lande bekannt war. Dies ging so weit, dass sie von allen nur „die zwei Freunde“ genannt wurden. Sie waren einander dermaßen zugetan, dass „ihr Wille immer eine Richtung nahm und genauer als zwei Uhren miteinander übereinstimmte.“ (S.3)
Beide waren stattliche junge Männer und Anselmo trug sich mit dem Gedanken eine Tochter edler Eltern mit Namen Camilla zu ehelichen. Als Freiwerber bestellte er seinen Freund Lotario. Camilla war überglücklich Anselmo zum Mann und Lotario als Freund des Hauses zu gewinnen. So schien dem Glück der drei lange Zeit keine Grenze beschieden zu sein und Camilla galt allen Ortes als vorbildliche Gastgeberin, Gemahlin und Hausherrin.
Anselmo offenbarte Lotario jedoch eines Tages, dass er zwar als der glücklichste Mann unter Gottes Sonne gepriesen werden könne, doch dass er sich der Treue seiner Frau nicht absolut sicher wäre, so lange sie nicht die Gelgenheit hätte einen Fehltritt zu begehen, was bis dahin ausgeblieben war. Diese Neugier steigerte sich in Anselmo zu einer derartigen Besessenheit, dass er Lotario immer wieder bedrängte, einen fingierten Liebhaber Camillas zu mimen, dass dieser trotz zahlloser Bedenken gegen das Vorhaben schlussendlich einwilligte, um seinen Freund nicht im Stich zu lassen.
Lotario sollte versuchen Camilla zu verführen, um so Anselmo in der ein oder anderen Weise absolute Sicherheit über deren Liebe zu ihm zu geben. Auf jede nur erdenkliche Art und Weise wollte Lotario nun weder Camilla in Verlegenheit bringen, noch Anselmo im Vertrauen auf seine Freundschaftsdienste enttäuschen. Als letzterer sah, wie halbherzig Lotario in seinen Bemühungen um Camilla vorging, drängte er ihn sie stürmischer zu umwerben. Die tugendhafte Camilla konnte dem Charme und der inzwischen aufkeimenden Zuneigung zu Lotario auf Dauer nicht widerstehen. So kam es wie es denn kommen musste: Die Beziehung zwischen Lotario und Camilla wurde immer intensiver, was auch Anselmo nicht mehr verbogen blieb, zumal die Dienerin Leonella noch das ihre an Gerüchten und Verrat dazu gab, v.a. um ihren eigenen untugendhaften Hals aus der enger werdenden Schlinge der Intrigen zu ziehen.
Anselmo sieht sich in zweifacher Weise vor dem Scherbenhaufen seiner Existenz: zum einen verlor er seine Gemahlin, zum anderen seinen besten Freund. Und alles aus eigener Schuld und auf der unfruchtbaren Suche nach einer absoluten Sicherheit, die es ohnehin nicht gibt. Auf dem Weg zu einem Freund der in einem nahen Dorf wohnte stirbt er aus Gram über seinen selbst verschuldeten Verlust („Ein törichtes und fürwitziges Verlangen hat mir das Leben geraubt“(S.62)).
Camilla beschließt ihr Leben in einem Orden, nachdem sie erfahren hat, das ihr geliebter Lotario in einer Schlacht zu der er sich aus Scham als Freiwilliger gemeldet hatte gefallen ist.

Fazit: Manche mögen bei der Lektüre der Novelle die Sprache resp. Übersetzung von Ludwig Tieck (31. Mai 1773 Berlin; † 28. April 1853 Berlin) als etwas angestaubt empfinden. Sie fängt jedoch meines Erachtens die Atmosphäre der Handlung und deren historisches Umfeld mit klassischer Sprachpatina ein. Die zeitlose Frage der Grenze des Vertrauens in einer Partnerschaft ist heute mindestens ebenso aktuell, wie zu Cervantes‘ Zeiten, gehörte sie doch zu jenen, die mit letzter Gewissheit nur selten beantwortet werden können. Beides, sowohl das Zuviel an Vertrauen – sichtbar an der Beziehung der beiden Freunde –, ebenso wie das nagende Misstrauen thematisiert Cervantes bravourös, wobei der tragische Ausgang der Geschichte in bester schriftstellerischer Manier den exemplarisch-erzieherischen Charakter, welche den Novellen des Autors im Allgemeinen innewohnt, widerspiegelt.

Zum Buch: Der Band stammt, wie auch die 9 anderen in dem Kartonschuber, von einem Flohmarkt. Lieder ist er etwas mitgenommen, der Buchrücken stark berieben und die Seiten etwas vergilbt, sowie das Papier von minderer, stark faseriger Qualität. Die Verleimung jedoch ist noch einwandfrei intakt. Der Druck ist leider auch hier nicht besonders sauber ausgeführt; Teile der Schrift sind nicht sauber angedruckt bzw. halten die Linie nicht.

Buchdaten:

  • Titel: „Die unziemliche Neugier“
  • Autor: Miguel de Cervantes Saavedra
  • Übersetzer: Ludwig Tieck
  • Seiten: 63 Seiten
  • Verlag: Apollo Verlag Lindau (ca. 1947)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 17 x 12,5 x 0,4 cm

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