Herausfordernd – „Bildung als Provokation“ – Konrad Paul Liessmann

By | 17. März 2018

Herausfordernd - "Bildung als Provokation" – Konrad Paul Liessmann„Wie immer man es aber dreht und wendet: Ob Bildung ein Selbstveränderungspotential in Hinblick auf Individuen oder Gesellschaften zugesprochen werden kann, hängt letztendlich vom Mut ab, Bildung inhaltlich und normativ zu bestimmen. Solange Bildung formal als Durchlaufen von Zertifizierungsstellen oder Sammeln von Leistungspunkten definiert und auf den Erwerb von Kompetenzen und zeitgemäßen Kulturtechniken reduziert wird, erwächst aus diesen Bestimmungen weder eine notwendige noch eine mögliche Kraft zur Veränderung.“ (S.79)

Zum Inhalt:

Provokation, ethymologisch ‘herausfordern, reizen, zu einer […] Handlung veranlassen’1), wohnt dem Text in allen Abschnitten, resp. Thematiken, mit denen sich Konrad Paul Liessmann auseinandersetzt inne. Ob es nun die wechselhafte Historie bzw. Begrifflichkeit und Deutung des Begriffes, oder der immer wieder neu gefassten Idee eines Ideals ist, der Versuch, wachzurütteln, spitz zu argumentieren, dort zu treffen, wo der Nerv einer humanistischen Lebensweise vom Einschlafen bedroht ist, gelingt mit jedem Argumentationsstrang in sich kohärent.

Aus verschiedensten Blickwinkeln wird Bildung in einem, zum einen beinahe in sich selbst verständlichen / geläufigen Sinne beleuchtet, wobei  nicht in die zwar sich anbietende, aber nicht minder unnütze Kerbe des sermonartigen Bejammerns der mangelnden (Allgemein-)Bildung geschlagen wird. Eben diese Allgemeinposten findet man bei Liessmann nicht. Zu profund und von irisierender Vielfältigkeit sind die Herangehensweisen, nicht verleugnend, dass es sehr wohl einen roten Faden in der anzustrebenden holistischen Bildung des Individuums gibt.

Es sind dabei Themen wie Kunst, Religion und Literatur, als essentielle Bestandteile der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Geschichte, seiner Gegenwart und daraus extrapolierend seiner potentiellen Zukunft, ebenso wie Themen der Wirtschaft und Politik, die ein zoon politikon prägen, von Belang und Liessmann bringt diese in ein kontextuelles Geflecht rund um den schillernden Begriff »Bildung«.

Dass Bildung dabei ein sicherlich zum einen in höchstem Maße individueller Begriff, zum anderen aber auch eine gesamtgesellschaftliche Idee ist – reps. sein kann / sollte –, verdeutlicht der Autor an unterschiedlichsten Beispielen. Ebenso, dass es sich dabei um keinen dereinst erreichbaren, monolithisch festmachbaren Zustand handelt, denn „Bildung ist untrennbar mit der Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit verbunden, mit dem Wissen des Nichtwissens.“ (S.9) Und stets geht es um eine wichtige Grenzziehung, sähe man sich versucht den Bildungsbegriff jenem der (wirtschaftlichen) Effizienz unterzuordnen. „Der Gebildete verkörpert all das, was der aktuelle Bildungsdiskurs gerade nicht mehr unter Bildung verstehen will. Dazu gehört ein fundiertes Wissen, das es erlaubt, auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen zu trennen, ästhetische und literarische Kenntnisse und Erfahrungen, ein differenziertes historisches und sprachliches Bewusstsein, ein kritisches Verhältnis zu sich selbst, eine auf all dem gründende abwägende Urteilskraft und eine gesteigerte Sensibilität gegenüber Lügen, Übertreibungen, Hypes, Phrasen, Moralisierungen und Platitüden der Gegenwart. Allerdings ließe sich nichts von dem vorschnell der Forderung nach Nützlichkeit, Anwendbarkeit und schneller Verwertbarkeit unterordnen.“ (S.8)

Fazit:

Konrad Paul Liessmann liefert einen Text – oder vielmehr eine Auswahl an Texten / Gedanken –, der im wahrsten und besten Sinne philosophischen Diskurses herausfordert. Auf hohem gedanklichen und sprachlichem Niveau bringt er pointiert einen teils zerfransten und unscharfen Begriff, wie ihn der der Bildung teils im öffentlichen Sprachgebrauch darstellt, zu einem Schnittpunkt, einer konzisen inhaltlichen Schnittfläche, eine Auseinandersetzung auch mit dem eigenen Bildungs- und Werteziel im Leben anregend. Ein ausgesprochen lesens- / empfehlenswertes Buch.2)

Zum Buch:

Schlicht! Das wäre das erste Adjektiv, welches mir zur äußeren Gestaltung des Bandes einfiele. In dieser Schlichtheit liegt dabei eine beinahe ebensolche Eleganz, welche sich in Bindung, Typografie, sowie drucktechnischer Realisierung fortsetzt. Den vorbildlich übersichtlichen Satz des Textes gestaltete Eva Kaltenbrunner-Dorfinger. Der Text wird heruntergebrochen auf 4 große Themenkomplexe, die wiederum in angenehm überschaubare Unterkapitel, das Kernthema als inhaltliche Klammer umschließen. Dies ist v.a. hilfreich, da die Kapitel „auf Texte zurückgehen, die aus unterschiedlichen Motiven in den letzten Jahren entstanden“ (S.236) und so eine „Auswahl dieser Vorträge und Arbeiten“ (S.236) darstellen. Die typografische Wertlegung auf Klarheit in Struktur und Schriftbild macht die Lektüre des Textes, unterstützend zu dem inhaltlich gehobenen Anspruch an Konzentration und Reflexion, zu einem angenehmen, fluiden Leseerlebnis.

Buchdaten:

  • Titel: „Bildung als Provokation“
  • Autor: Konrad Paul Liessmann
  • Umfang: 238 Seiten
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag Wien; Auflage: 1 (2017)
  • Sprache: Deutsch
  • SBN-13: 978-3-552-05824-8
  • Größe: 20,8 x 13,3 x 2,1 cm

1)  https://www.dwds.de/wb/Provokation

2) Weitere Bücher von Konrad Paul Liessmann auf kuchers.blog

 

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