Hommage an eine Ikone der Lüfte – Buchbesprechung zu „Falke“ – Helen Macdonald

By | 17. Juni 2017

Hommage an eine Ikone der Lüfte - Buchbesprechung zu "Falke" – Helen Macdonald„Zu behaupten, die Lebenswelt eines anderen Menschen zu verstehen, ist philosophisch fragwürdig; bei einem anderen Tier erscheint der Versuch gar absurd – ist aber zweifelsohne sehr reizvoll.“ (S.34)

Zum Inhalt:

Helen Macdonald entwirft in ihrem Text über sechs Kapitel hinweg eine kompakte „Biographie eines Räubers“ – so der Untertitel. Von der geschichtlichen Bedeutung des Gespanns Falke-Mensch über die mythologischen Einflüsse und deren soziale Komponenten findet sie zielsicher den Weg hin zur Vorstellung der klassischen und modernen Falknerei. Dabei kommen Anatomie, Verhalten, Lebensweise und auch die Affinität des Greifs zu urbanen Siedlungsräumen ebenso in den Fokus, wie jene dunklen Seiten in denen die Autorin ausführlich auf die Verwendung von Falken im militärischen Umfeld eingeht.
Sie berichtet von Falken als Statussymbolen, als Krafttieren, als vom Aussterben bedrohte und gerettete Zeichen eines potentiell gelungenen Artenschutzes. Schwierigkeiten in der Aufzucht, dem Umgang mit einem Falken als Persönlichkeit wie als Spezies werden verwoben mit einer Unzahl an Anekdoten, denen ein solides Bild dieses ästhetischen Raubvogels zu verdanken ist. Immer wieder profitiert der Leser vom Wissen der Historikerin in Kombination mit der Expertise einer Falknerin deren Feuer für ihre Tiere spürbar brennt. Mit einem leichten Schmunzeln – so scheint es – schreibt sie: „Ich habe schon Falkner jammern hören, die Falknerei habe ihre Karriere ruiniert, ihre Beziehung zerstört und ihnen unvorstellbaren Kummer, Unkosten und Strapazen bereitet – wobei ihnen ein glückseliges Lächeln im Gesicht stand.“ (S.89)
Ganz Wissenschaftlerin wie sie es ist, gab die Autorin dem Band einen fundierten Abschluss mit einer Zeittafel, Literaturhinweisen und Bildnachweisen zu den 71 sehr schönen und überaus anschaulichen Bildern und Grafiken, die dem Geschriebenen nicht nur künstlerisch im wahrsten sinne des Wortes zur Seite stehen, sondern eigenständig erklärend und auch per se wunderschön anzusehen sind.

Fazit:

In Meinungsäußerungen und Rezensionen rund um das Buch „H wie Habicht“ war die enttäuschte Aussage seinerzeit nicht selten, dass es sich ja gar nicht um ein (klassisches)  Sachbuch handle, obwohl die Autorin dafür den „Samuel Johnson Prize“  für Sachbücher in Großbritannien erhielt. Pointiert formuliert es die Autorin im Vorwort: „Im Grunde aber handelt dieses Buch genau wie H wie Habeicht davon, dass wir Menschen die Natur als Spiegel benutzen. Dass jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist zund mit der Art , wie wir uns wahrnehmen.“ (S.7)
Allen (potentiellen) Lesern sei versichert, mit „Falke“ halten sie garantiert ein astreines Sachbuch in Händen 🙂 . Helen Macdonald hat als professionelle Falknerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin für Geschichte und Philosophie in Cambrige zum einen die fachliche und zum anderen die literarische Expertise einen fundierten Text zu liefern, der ihr sowohl kühles wie auch beherztes Timbre angenehm mitschwingen lässt, mit jedem Satz, der die 240 Seiten erfüllt. Sie spart nicht mit Kritik an absurde Blüten treibender Naturschutzphilosophie, ebenso wenig wie sie sträfliche Versäumnisse in Sachen Artenschutz aufzeigt. Dennoch bleibt stets der Falke als Wesen, mit dem sich der Mensch Ökosysteme, Geschichtsepochen, soziale Räume und auch den Raum der Mythen teilt, Dreh- und Angelpunkt zum dem der Text immer wieder zurückkehrt. Das Buch stellt eine Hommage an eine Ikone der Lüfte dar, mit lebendigem Enthusiamus dargebracht, stilistisch wunderschön eingekleidet und dem Anspruch zwei Wesenheiten einander näher zu bringen: den Menschen und den Falken.

Zum Buch:

War schon „H wie Habicht“ ein bibliophiles Prachtstück, so setzt „Falke“ noch einmal wunderschöne Akzente im Bereich der Buchbindung, der künstlerischen Gestaltung und v.a. auch der Typografie. Der Schutzumschlag, will man ganz Außen beginnen, wartet in einer vertrauten Optik auf, ist er doch frappierend ähnlich seinem Vorgängerbuch gehalten. Typografisch kann man den aus der Bembo MT gesetzten Text als vorbildlich in Übersicht, Ästhetik und Lesbarkeit ansehen. Die speziell gestalteten Initialen am Kapitelbeginn fügen sich hierbei sehr hübsch in den Textfluss ein, ebenso wie das Bildmaterial im Satzlayout nie störend wirkt, sondern auflockernd und erkläuternd – eben eines schönen Sachbuches würdig. Die Bindung des Buchblockes sowie dessen Einhängung in die Buchdecke sind vorbildlich realisiert. Dass der feste Bedruckstoff nicht reinweiß ist, sondern sehr hell eierschalenfarben, trägt zum ermüdungsarmen Lesen das seine bei.
Ein rundum ausgezeichnet gelungenes Buch das jeden Euro wert ist und höchsten Ansprüchen genügt.

Buchdaten:

  • Titel: „Falke“
  • Autorin: Helen Macdonald
  • Umfang: 240 Seiten
  • Verlag: C.H. Beck; Auflage: 2016
  • Sprache: Deutsch
  • SBN-13: 978-3-406-70574-8
  • Größe: 22,2 x 14,4 x 1,8 cm

 

P.S.: Die im Buch mehrfach erwähnte und sehr sehenswerte Kodak Birdcam findet man unter diesem Link.

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