Identitätskrisen, Plagiate und die Pest…

By | 29. November 2014

 Die mehreren Wehmüller von Clemens Brentano„»…, bei der Nacht sind alle Kühe schwarz, selbst die schwarzen« – »Ja«, sagte sie, »auch die blanken Esel!«“ (S.63)

Zum Inhalt:

Wehmüller ist reisender Maler. Dies wäre an sich noch nichts außergewöhnliches, doch gelang es ihm eine besondere Technik zur Maximierung seiner Produktion und der Minimierung seiner Kosten zu erfinden, sowie zu perfektionieren: Das Schnellporträt. Er fertig in Zeiten weniger Aufträge Gesichter auf Leinwand vor, die er bei Bedarf in kürzester Zeit dem Kunden auf den Leib finalisiert. In die Rahmenhandlung, in der es augenscheinlich vor allem um die Suche Wehmüllers nach seiner Frau geht, welche durch einen Pestkordon von ihm geografisch getrennt ist, bettet Brentano geschickt eine noch subtilere Suche Wehmüllers nach seinem innersten Selbst ein.

Wehmüller muss auf dem Irrweg zu seiner Frau erfahren, dass es mindestens 2 weitere Wehmüller gleichen Aussehens gibt, welche sich äußerlich durch nichts von ihm unterscheiden. Im Laufe der Erzählung entpuppen sich die beiden Doppelgänger zum einen als der Konkurrent Wehmüllers, der Maler Froschauer, sowie die Frau Wehmüllers, Tonerl. Die Motive beider Charaktere stellen sich als durchaus lobenwert dar, führen das Gesamtgeschehen jedoch immer wieder bis auf Haaresbreite an den menschlichen beinahe schicksalshaft drohenden Abgrund heran, der aller Leben bedroht.

Abseits oder vielmehr innerhalb dieser Rahmenhandlung spinnt Brentano teils schauerliche, teils irrational anmutende Binnengaschichten („Das Picknick des Katers Mores – Erzählung des kroatischen Edelmanns“ (S.26), „Deviliers Erzählung von den Hexen auf dem Austerfelsen“ (S.40) und „Baciochis Erzählungen vom wilden Jäger“ (S.43)), welche archätypischen Charakterisierungen einzelner Volksgruppen entsprechen, mit deren Vertretern der Autor den Text bevölkert. Der Pestkordon schwebt in der gesamten Erzählung einem Damoklesschwert gleich über den Figuren und dem von ihnen zu erfüllenden Schicksal. „So wird in der symbolischen Zueinanderordnung von Rahmen- und Binnenerzählung Brentanos Maxime belegt, daß in der »poeatischen Konstruktion« der Pestkordon zwischen Wirklichem und Wahrem zu überwinden ist…“ [1]

Fazit:

Der Leser begibt sich mit der Lektüre dieser Geschichte Brentanos auf eine literarische Reise, die „die Standards ihrer Entstehungszeit – das beliebte Doppelgängermotiv ebenso wie die romatische Ironie – hinter sich“ (S.89) lässt. Belohnt wird er für seinen Wagemut mit einem „Maskenball von Worten und Gedanken“ (S.90), herausgearbeitet in feinster Sprache formal im traditionellen Schema einer Rahmenerzählung gehalten.

Zum Buch:

Der wunderschön gestaltete Bucheinband umschließt einen fadegebundenen Buchblock der, wie von den bibliophilen Kunstwerken des Inselverlages nicht anders zu erwarten, in buchbinderischer Verarbeitung, typografischer Feinheit und qualitativ hochwertigem Druck keine Wünsche offen lässt. Durchsetzt ist der Text mit dreizehn unauwdringlichen, Schwarzweiß-Zeichnungen, die ein klein wenig an Wilhelm Buschs Federführung erinnern, von Karl-Georg Hirsch, der stimmigerweise auch das Bezugspapier gestaltete. An Schriften fanden die Rotis Serif und Semi Serif Verwendung, gedruckt wurde auf holfreiem, alterungsbeständigem Papier der Papierfabrik Cordier.

Buchdaten:

  • Titel: „Die mehreren Wehmüller“
  • Autor: Clemens Brentano
  • Ausgabe: 95 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-458-19262-X
  • Größe: 18,5 x 12 x 1,1 cm

[1] Prof. Dr. Wolfgang Frühwald in „Kindlers Neues Literaturlexikon“ (1988 / 1998), Bd. 3, S.141, ISBN 3-89836-214-9

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