Im Abseits

By | 9. Juni 2016

"Nicht von dieser Welt" - Arne Ulbricht„Immer häufiger, inzwischen mehrmals täglich, habe ich allerdings das Gefühl, irgendwo eine Stimme zu hören, die mir erklärt, dass ich mich im Jahrhundert geirrt habe und dass Menschen, die denken und sind wie ich, nicht mehr gebraucht werden.“ (S.196)

Zum Inhalt: Heinz Gödel, eigentlich ausgebildeter Pädagoge – lies Lehrer -, steht mit 36 vor der Entscheidung seinen derzeitigen Brotberuf in der Wirtschaft gegen eine Karrenzstelle an einer Schule zu tauschen. Diese Möglichkeit, seiner erlernten Profession nachzugehen, hatte er bereits resigniert ad acta gelegt. Nachdem er das Angebot mit gemischten Gefühlen annimmt, steht er vor der Herausforderung u.a. eine 9a zu unterrichten, in der die Generation Facebook auf ein Relikt einer anderen Zeit trifft: ihn.
Gödel lebt alleine mit seinem Hund, der sein Anker in dieser physischen Welt zu sein scheint, sozial größtenteils isoliert von seiner bürgerlichen Vorzeigeverwandschaft und abseits der aktuellen Technik, wie Fernsehen, Smartphones, Internet oder gar sozialen Netzwerken. („… von ihrem Sohn einem dicken, unsportlichen Menschen, der sich den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts komplett und bei vollem Bewußtsein verweigert, denkt niemand etwas Gutes.“ (S.250)).
Er war „nicht Lehrer geworden, um gegen eine Klasse zu kämpfen.“ (S.101), aber das „Leben“ mit der 9a wird gestaltet sich zu einem existenziellen Spießrutenlauf. Von den LehrerInnen-Kollegen kommt bis auf eine Ausnahme (Sker) nicht nur keine Hilfestellung, sondern auch kein Funken Rückhalt, so dass er sich an seinem neuen Arbeitsplatz reichlich deplaziert fühlt („Ich fühle mich, als wäre ich ein Austauschschüler, der am Tisch sitzen muss, aber weder Sprache noch Sitte wirklich versteht.“ (S.146)). Vor diesem Hintergrund, auf einer Bühne voller Versatzstücke persönlichen Scheiterns, gefühltem und realem im Stich-gelassen- oder Verlassen-Werdens und dem der zunehmenden Überzeugung hier bzw. jetzt nicht her zu gehören, bahnt sich in der getretenen Seele Gödels eine zerstörerische Entwicklung ihren Weg, in der die minutiös konstruierte Rückzugswelt in katastrophaler Endgültigkeit auf das reale Hier und Jetzt prallt.

Fazit: In seinem Debütroman „Nicht von dieser Welt“ setzt sich Arne Ulbricht einmal mehr mit der Profession des Lehrers auseinander, wie er dies bereits in anderen Publikationen (z.B. „Lehrer: Traumberuf oder Horrorjob“, sowie als Kolumnist tut. Ulbrechts Text gewinnt durch die Ich-Perspektive seines Hauptprotagonisten eine vereinnahmende Intensität, deren schicksalshafte Entwicklung erahnbar, jedoch in ihrer letzten Konsequenz nicht vorhersehbar ist. Im Klappentext fasst ein Satz pointiert zusammen, was es mit den erzählerischen Stationen, den Streiflichtern im Leben Heinz Gödels auf sich hat: Es ist „ein eindringliches Psychogramm eines Lehrers…, der aus seinem Scheitern verhängnisvolle Konsequenzen zieht.“ Und auch wenn für im Hier-und-Jetzt mit all seinen digitalen Untiefen, unterhaltungstechnischen Fährnissen und Social-Network-Klippen verankerten „Normalbürger“ viele Aktionen Heinz Gödels für sich selbst nicht in Frage kämen, so sind Entwicklung und (Re-)Aktionen dieses Charakters in sich und seiner Welt beängstigend schlüssig. Nicht zuletzt, weil annähernd jeder, der das bestehende Schulsystem „genossen“ hat (vor oder hinter dem nicht nur sinnbildlichen Pult), einen frappierend ähnlich gestrickten Gödel in der ein oder anderen Ausprägung kannte resp. kennt.
Auffallend angenehm empfand ich bei der Lektüre die durchgehend wertfreie Schilderung Gödels und seines fortschreitenden Verblassens in der realen Welt. Arne Ulbrecht scheut sich nicht davor ansonsten oft im dunkle belassene Ecken (eine davon ist das Lehrerzimmer) minutiös auszuleuchten, Macht- und Psychospielchen und gruppendynamische Katakomben ans Licht zu befördern, ohne dabei in ein plattes Spannertum abzudriften. Es geht dabei um so sensible Themen wie Empathie, Zivilcourage, Cybermobbing – zur Abwechslung ist hier einmal nicht der Focus auf die Schüler-Schüler-Beziehung gelegt – oder auch um soziale Integration, Resilienz und nicht zuletzt um die Interpretation des pädagogischen Auftrags in dem Spannungsfeld zwischen idealisiertem Bildungsziel, dem Anspruch an das viel beschworene – jedoch selten akkordierte – Niveau, der Sinnhaftigkeit einer sozialen Tätigkeit wie des Lehrens und des Erfüllens extrinsischer Ansprüche. Keine leichte Lesekost, denn als solche würde sie dem Thema nicht gerecht. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Text in so manchem Lehrerkollegium einen regen und durchaus nicht unproduktiven Diskurs auslösen könnte, der dringendst von Nöten ist.

Zum Buch: Neben der festen Verleimung, dem angenehm leserlich gesetzten Text und den für ein Paperback erstaunlich soliden Buchdeckeln fällt v.a. die stimmige bildnerische Umschlaggestaltung  ins Auge für die Gudrun Hommers firmiert. Ein weiteres kleines aber nicht unwesentliches Plus stellen die Einschlagklappen dar, auf denen das Kurzporträt des Autors, sowie eine Zusammenfassung des Buchinhalts Platz finden.

Buchdaten:

  • Titel: „Nicht von dieser Welt“
  • Autor: Arne Ulbricht
  • Umfang: 290 Seiten
  • Verlag: Klak Verlag; (1. Auflage, 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-943767-58-2
  • Größe: 20,0 x 13,3 x 2,1 cm

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