Keineswegs 08/15

By | 7. Juni 2015

"08/15" - Hans Hellmut Kirst„»Drill ist das Paradies der Minderwertigen. Die wertvolleren und komplizierteren Naturen werden dabei eingeebnet; das ist das ganze Geheimnis.«“ (S.159)

Zum Inhalt: „Die Kasernenweisheit des gefreiten Asch lautete: Vermeide jedes Risiko.“ (S.12), denn „Er [Herbert Asch] hatte einen intakten Verstand und gebrauchte ihn auch.“ (S.30).  So präsentiert sich Herbert Asch dem Leser als einer jener unzähligen Soldaten, ein Landser in einer Maschinerie zur Fertigung  willfähriger Befehlsempfänger. Er schlängelt sich durch, bemüht nicht aufzufallen und dem System möglichst wenig Widerstand und Angriffsfläche zu bieten, den Kasernenaltag herumzubringen und den ein oder anderen Freigang dabei abzustauben. In seinem Kameraden Johannes Vierbein findet er einen Freund, fast Seelenverwandten, dessen Beschützer er mehr und mehr wird, zumal es Vierbein an Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl fehlt, und er ein ausgesprochenes Talent zu besitzen scheint, den Unmut seiner Vorgesetzten auf sich zu ziehen. In der rauhen Welt der Kaserne eckt er beständig an: „Das war es was seine Umgebung leicht beunruhigte: Vierbein Johannes leistete sich den Luxus, ureigene Gedanken zu haben.“ (S.17).
Der innere Zweispalt es, zum einen den Vorgesetzten recht machen zu wollen, zum anderen gegen die Willkür derselben wehrlos zu sein, treibt ihn soweit, dass Asch ihn nur in letzter Minute vor einem Selbstmord abhalten kann. („»Drill ist das Paradies der Minderwertigen. Die wertvolleren und komplizierteren Naturen werden dabei eingeebnet; das ist das ganze Geheimnis.«“ (S.159))  Konfrontiert mit der direkten Auswirkung der menschenverachtenden Schleiferei des Kasernenbetriebes, welche seinen Freund zwischen ihren Rädern aufzureiben droht, beschließt Asch Widerstand zu leisten. Widerstand, indem er eben jenes Reglement öffentlich in Frage stellt, auf dem die Befehlskette und damit die Machtverhältnisse innerhalb der Kasernenhierarchie fußen. Denn „es machte nie sonderliche Mühe, diesen staatlich organisierten Zwangserziehungsklub mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.“ (S.37)“.  Er bringt damit all jene in arge Bedrängnis, deren Gebetsbuch die Dienstordnung und deren Credo der Befehl ist. („»Es gibt gar keine sinnlosen Befehle, bestimmt nicht. Aber es gibt Befehle, die sinnlos erscheinen! Aber das kann der, der die Befehle empfängt niemals beurteilen.«“ (S.61)).
Je mehr sich das System aus Dienstvorschriften, persönlichen Abhängigkeiten, geschuldeten Gefälligkeiten und Aufstiegstaktierereien gegen den Störenfried Asch wehrt, desto mehr treten die schwärenden Konflikte, handfesten Unzulänglichkeiten, aber auch konkreten Zweifel der Zivilisten an der Sinnhaftigkeit der Maschinerie an den Tag. (Das durchaus sehr gespaltene Verhältnis der Zivilbevölkerung gegenüber dem Fremdkörper „Kaserne“ mitsamt seinen Auswüchsen wird immer wieder im Text thematisiert, wobei auch hier differenzierte Vielschichtigkeit zugunsten vereinfachender Bedienung von Vorurteilen der Vorrang gegeben wird.)
Doch was soll mit jenem Subjekt, dem Gefreiten Herbert Asch, passieren, der doch so offensichtlich keine grobe Verletzung der Dienstverordnung begangen hat, welche eine drakonische Bestrafung nach sich ziehen würde, ohne dabei das gesamte System selbst in Frage zu stellen. Die Antwort ist ebenso, logisch wie befremdlich zugleich…

Fazit: Kirst schreibt über sich: „Ich erzähle in meinen Büchern nicht von mir, dazu war mein Leben nicht interessant genug; ich berichte von Menschen, die mir begegnet sind, und von anderen, von denen ich gewünscht habe, daß es sie gegeben hätte.“ (S.319) Ein Buch das bewegt. Die Zeit in der die Erlebnisse Aschs spielen mag zwar lange her sein, aber es gibt nach wie vor Kasernen – und in Österreich immerhin sogar noch die Wehrpflicht. Es gibt sie immer noch die Hauptwachtmeister Schulzes, die Gefreiten Asch und Vierbein, die Leutnants Wedelmann und wie sie alle heißen. Wie schrieb es „Die Welt“ in einem Zitat des dzt. amtierenden Papstes: „Es ist eine Art dritter Weltkrieg, der geführt wird“, sagt er mit Blick auf aktuelle Konflikte.“ (siehe: „Die Welt“). Die Welt scheint Soldaten-Fabriken zu brauchen, umso mehr braucht es Literatur, die dagegen anschreibt.

Zum Buch: Das vorliegende Buch ist eine leinengebundene Ausgabe des Romanes für die Büchergilde Gutenberg dar. Die Fadenbindung des Buchblockes ist robust und stabil ausgeführt, der feste Einband stilistisch stimmig zu den Illustrationen im Text gestaltet und der Seitenbedruckstoff fest und griffig. Für die grafische Gestaltung zeichnet Rudolf Totter verantwortlich. Als teils mangelhaft muss der Druck beschrieben werden. Verläufe der Lettern ebenso wie schwarze Punkte wirken oftmals störend, vereinzel ist auch die Zeilenführung der Lettern nicht ganz korrekt. (hier ein paar Beispiele). Die Strichzeichnungen sind von diesen Fehlern nicht betroffen.

Buchdaten:

  • Titel: „08/15“
  • Autor: Hans Helmut Kirst
  • Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg  (1954); Verlag Kurt Desch;
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3811820311
  • ISBN-13: 978-3811820319
  • Größe: 20,9 x 13,5 x 2,2 cm

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