Kopfreise…

By | 21. Juni 2012

"Die letzte Fahrt der Enora Time" - Andreas Gruber„Die Frage, meine Liebe, lautet nicht, wo wir uns befinden, sondern wann wir uns befinden!“ („Die letzte Fahrt der Enora Time“, S.173)

Zum Inhalt:

„Ex Libris: Achtzehntausend Gigabyte“…Menschen – oder deren Nachfahren – leben in einer Welt, in der nicht mehr 90% des Gehirns ungenutzt brachliegen. Nein, in dieser neuen, „besseren“ Welt wird diese Ressource genutzt, Informationen werden abgelegt, der menschliche Klon als Datenträger gesehen. Berufszweige und deren wissen werden hochgeladen in den freien Speicher, der damit das gesellschaftlich relevante Schicksal des Einzelnen festlegt. Doch was, wenn ein Klon dies nicht als gegeben hin nimmt, ausreißt; und mit seinem Speicher nichts besseres zu tun wüsste, als sich die gesammelten literarischen Werke des Menschen, bibliotheksweise in seinen Kopf zu verfrachten…

„Ecke 57th Street“… es sollte eigentlich ein Höflichkeitsbesuch bei einer schrulligen Studienkollegien in Amerika werden, gedacht als Abschluss eines anstrengenden Rucksackurlaubs. Das er die Wohnung seiner Gastgeberin allerdings nicht mehr in derselben Art verlassen würde, wie er sie betreten hatte, war Markus Breitler – seines Zeichens Österreicher im Ausland – nicht in den Sinn gekommen…

„Duell im Mintauer“…die Charakter in diesem handlungstechnischen Klassiker – Held ist in lebensbedrohlichen Schwierigkeiten, Held gewinnt Duell, Held bekommt Frau – sind etwas flach, doch schafft es Gruber die Erzählung so kurz resp. lang zu halten, dass die Spannung gehalten werden kann…

„Rendezvous“…wer ist es der die technologische Forschung stets vorantrieb? Richtig das Militär! Was, wenn es Waffensysteme, Raumschiffe gäbe, in denen nicht mehr nur binäre System, sondern biologische Module Entscheidungen fällten; wenn diese biomodularen Bauelemente DNA und Gewebe menschlichen Ursprungs enthielten; … wenn dieser Ursprung ein vertuschtes Geheimnis bergen würde; es stellte sich die Frage, wie groß der Lebenswille des biologischen Erbes eines derartigen Raumschiffes wäre…

„Dr. Stein“…erzähltechnisch, stilistisch eine der interessanten Erzählungen, wenn auch die Story mich nicht besonders überzeugte. Kurz gefasst versucht ein Vater, der Frau und Sohn in einem totalüberwachten System verloren hat, zum einen aus dem System auszubrechen und zum anderen seinen Sohn über Raum und Zeit hinweg zurückzuholen; in einer Zeit, die nicht die seine ist, findet der Sohn sich jedoch nicht zurecht und der Vater scheitert letztendlich an seinen Hoffnungen und Wünschen…

„Joyce“…man begegnet sich im Leben stets mindestens zweimal. Wenn es sich bei diesen Begegnungen dann auch noch um eine exotische anmutende Frau handelt, wird es spannend. Eine flüssig geschriebene, fesselnde Lebens-/Liebesgeschichte die Realität und Fiktion verschwimmen und viel Raum für eigene Ideen lässt…

„Die letzte Fahrt der Enora Time“ …ein ganz normales Himmelfahrtskommando sollte die Reise werden. Aus diesem Grund bestand die Crew aus Freiwilligen – abgesehen von dem Kontingent tiefgefrorener Soldaten in den ICE-Tanks -, jeder mit seiner unverarbeiteten Geschichte; zu verlieren hatten sie nicht mehr viel. Warum also nicht der Menschheit noch einen letzten Gefallen erweisen und den Einsatztrupp der Galaktisch-Territorialen Einsatzkräfte hinter den feindlichen Linien Absetzen, die Mission erfüllen, die Überlebenden einsammeln und versuchen sich nach Hause durchzuschlagen… so die Theorie. Was aus dieser Theorie nach der scheinbar ungeplanten Passage des Ereignisshorizontes eines schwarzen Loches, einer Meuterei und der Entdeckung ihres eigentlichen Zieles wird, davon handelt diese fesselnde Erzählung…

Fazit:  Zugegeben die Ideen sind alle nicht wirklich neu… aber die literarische Umsetzung Gruber’s hat ihren Reiz. Spannend geschrieben, flüssig lesbar, so dass man das Buch erst weglegt, wenn man es ausgelesen hat. Bis auf ein paar kleine logische Unebenheiten (z.B. S.31 Lichtleiter transportieren Lichtimpulse, aber keine Ladungen, wie im Text formuliert) finden sich viele gute Denkansätze.

Zum Buch: Der Buchblock ist solide verleimt, sperrt sich allerdings etwas gegen das Öffnen. Dies ist v.a. in Kombination mit dem Layout, dessen Schriftsatz bis weit an den Rand geht gewöhnungsbedürftig. Die Schrift ist relativ groß, sehr gut lesbar und das stabile Papier griffig.

Buchdaten :

  • Titel: „Die letzte Fahrt der Enora Time“
  • Autor: Andreas Gruber
  • Broschiert: 190 Seiten
  • Verlag: Shayol; Auflage: 2., verb. Aufl. (April 2003)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 392612623X
  • ISBN-13: 978-3926126238
  • Größe und/oder Gewicht: 19,8 x 13,2 x 1,4 cm

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