Lebensentwürfe

By | 8. September 2015

"Das achte Zimmer" - Sigrid Kleinsorge»Dem Tod biete ich die Stirn, aber es geht um den Weg.« (Pos. 1069)1)

Zum Inhalt: Sarah ist 75… und sich dessen auch gewahr. Dies veranlasst sie auch, auf eine Annonce in der Zeitung zu antworten, in der eine Wohngemeinschaft aus älteren Menschen eine neue Mitbewohnerin  sucht. Sarah stellt ihre Vorbehalte mutig hintan und wagt den Versuch eine Woche in dem Domizil der sieben betagten Herren und Damen zu verbringen, um anschließend entscheiden zu können, ob sie den Rest ihres Lebens hier verbringen will.
Die durchwegs sehr gebildeten Bewohner haben sich ein Ritual zurechtgelegt dementsprechend jeder der Sieben an einem Tag der Woche sich als Person präsentieren kann, um Sarah einen Eindruck zu vermitteln, mit wem sie es zu tun habe. Pointiert wird dies durch den Umstand, dass die Mitbewohner im Umgang untereinander Namen berühmter Personen angenommen haben, deren Charaktereigenschaften ihnen imponierten oder denen sie sogar ähnlich waren. So wird auch Sarah, ihrer Ähnlichkeit wegen, mit Marlene angeredet.
In diesen sieben Tageszyklen – und den Nächten – begleitet der Leser Sarah, weit hinunter in den Hasenbau der Unwägbarkeiten der Mitglieder der Wohngemeinschaft, die sehr individuell und doch filigran aneinander gebunden sind… und bis zuletzt ist keineswegs eine Entschluss Sarah’s vorherzusehen.

Fazit: Sigrid Kleinsorge überrascht. Nicht auf marktschreierisch penetrante Art; es ist vielmehr ein feines, subtiles, stimmiges sich entfalten von Geschichten, von agierenden Personen, des Blickes auf das Mögliche im Kopf des Lesers, das ihren klaren, bildhaften Schreibstil auszeichnet. War schon ihr Buch „Die Abuela“ wunderbarer Lesestoff, so ist „Das achte Zimmer“ sprachlich nochmals eine Liga für sich. Die Melange aus geführten und gewünschten Leben, welche die ProtagonistInnen vor der „Neuen“ – und somit dem Leser – ausbreiten, weist trotz aller Härte der ihr anhaftenden Endgültigkeit, einen liebevoll humanistischer Blick auf das Wesen hinter dem Alter auf.  (»Endgültigkeit macht immer zu schaffen« (Pos.1661))
Wie ziselierte Miniaturen reiht die Autorin in stimmiger Erzähltechnik die kontroversen Charaktere auf der Zeitlinie des Textes auf, geklammert durch ein gemeinsames Schicksal, dem jeder auf die individuellste Art begegnen muss. Allen Akteuren ist dabei als Grundtenor gemeinsam, den Versuch einer Selbstbestimmung bis zuletzt, zu leben. („Wie kann man erklären, dass man sich fürchtet, seiner selbst nicht mächtig zu sein, andere bestimmen zu lassen, was zu tun und zu lassen ist? Sich auf einen Weg führen zu lassen, ohne, dass man ihn gehen möchte?“ (Pos. 964)).
Sich mit den (nicht immer nur) schleichenden Einschränkungen des Alters zu arrangieren, die Elmsfeuer gleichenden Reminiszenzen an ein vergangenes Leben einzuordnen und sich auf ein Wagnis mit Menschen einzulassen deren primäre Gemeinsamkeit das Alter ist, stellt die Dreh- und Angelstelle der einfühlsamen Geschichte dar, um die Sigrid Kleinsorge eine mögliche Menagerie des Lebensabends arrangiert hat.

Buchdaten:

  • Titel: „Das achte Zimmer“
  • Autor: Sigrid Kleinsorge
  • Ausgabe: 142 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (08/2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B0142YPWC
  • Größe: 353 kB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares

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