Lebenslinien

By | 9. November 2015

"Wagreiner Tagebuch" - Karl Heinrich Waggerl„Ein Mensch kann nicht überall daheim sein, zu Hause wohl, aber nicht daheim.“ (S.7)

Zum Inhalt: Stark selbstbeobachtend nimmt der Erzähler den Leser bereits von der ersten Zeile an mit in (s)eine Lebensgeschichte, die mit dem überraschenden Erhalt eines ansehnlichen Geldbetrages und dem Erwerb eines kleinen Grundstückes einen Ankerpunkt findet, von dem aus ein Lebensherbst seinen Ausgang nimmt. Das dörfliche Leben, der beinahe amüsant-diplomatische Erwerb des Lehens vom alten Michael, die liebevolle und zugleich abgeklärt schelmisch bunte Schilderung dörflichen Lebens prägt über weite Strecken den ruhig dahinfließenden Erzählfluss. Bewegung bringt der Fremde Klaus in das Geschehen. In ihm sieht der Erzähler ein wenig das Pendant seiner selbst in jüngeren Jahren und fast einen Sohn – aber primär einen Menschen, der mit all seinen Schwächen einen grundsoliden Charakter an den Tag legt, auf den sich eine gutes Leben bauen lässt. Obwohl er für Klaus und sich einen Lebensweg in gegenseitigem Austausch sieht und diesen auch anbietet, ist das Fernweh welches Klaus immer wieder weitertreibt stärker. Den letzten Ausschlag gibt die Nachricht des Todes seines Vaters, der ihm ein paar Schuhe und seine Uhr hinterlässt. So bleibt einmal mehr eine enttäuschten Vaterfigur in der Person des Erzählers ebenso wie eine unglückliche Geliebte zurück, während Klaus als getriebener einer ungewissen Zukunft entgegengeht.

Fazit: Wer Waggerl von seinen Weihnachtsgeschichten her kennt, wird in dieser Erzählung zwar ebenso den Grundtenor des Verwurzeltseins in heimatlichen Traditionen, welches die Hauptcharaktere prägt heraushören, doch dringt immer wieder ein resignativ melancholischer Unterton durch, der durch die retrospektive Haltung des Erzählers ein benahe beschwörendes Echo erfährt. „Es kommt für jeden der Augenblick, in dem er die Höhe seines Lebens überschreitet. In dieser Zeit sieht man weit voraus und weit zurück, man lebt noch wie sonst und freut sich seiner Kraft und der bunten Fülle um einen her. Aber schließlich merkt man doch, daß einem nichts mehr zuwächst, daß man in den Schatten hinuntersteigt und eigentlich immerfort Abschied nimmt.“ (S.72). Trotz der kontemplativen und zuweilen schwermütigen Grundhaltung strahlt der Text letztendlich eine reife Abgeklärtheit aus, deren solider Unterbau ein positives jedoch keinesfalls unrealistisches Bild des Menschen bildet. So wird auch die Person des jungen Klaus treffend beschrieben: „Gutmütig, aber nicht gut, böswillig, aber nicht böse, ein Mensch.“ (S.26) und so als eine Art Archetyp des Menschen gezeichnet, auf seiner Suche nach dem Ort an dem er letzten Endes zur Ruhe um und in sich kommen kann.

Zum Buch: Die 5 Bünde des kleinen Insel-Bandes sind sehr sauber fadengeheftet und am Rücken stabil verleimt. Der in Brauntönen und Ockergelb gehaltene Einband ist ein stimmiger Rahmen für die auch typographisch geradlinige und schlichte Erzählung.

Buchdaten:

  • Titel: „Wagrainer Tagebuch“ – Karl Heinrich Waggerl
  • Autor: Karl Heinrich Waggerl
  • Umfang: 84 Seiten
  • Verlag: Insel-Bücherei (1960)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 12 x 0,9 cm

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