Literatur aus Schmerz und Menschlichkeit – Rezension zu „Anatomie eines Soldaten“ – Harry Parker

By | 19. August 2017

Literatur aus Schmerz und Menschlichkeit – Rezension zu "Anatomie eines Soldaten" - Harry Parker„Das bin nicht ich, dieser kaputte Körper, das bin ich einfach nicht.“ (S.166)

Zum Inhalt:

Soldat BA5799 trägt Verantwortung. Verantwortung für sich und eine Gruppe ihm unterstellter Soldaten. Und er ist sich dessen bewusst, macht sich Gedanken, nimmt seinen Auftrag und seine kameradschaftliche Pflicht nicht auf die leichte Schulter. Er will aber auch verstehen, was er hier fernab von zu Hause verteidigt, wofür er einsteht – immerhin mit nichts weniger als seinem Leben.

Dieses Leben ist es, das eine Landmine beinahe einfordert. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein Wimpernschlag und er wird vom wertvollen Menschen / Soldaten zum belastenden Kriegsversehrten. Den Weg dorthin beschreiben schlaglichtartig Gegenstände. Banale,alltägliche Gegenstände wie Düngersäcke, Tuben welche der Beatmung dienen, Feldstiefel, ein Rucksack…

Das Leben, die Geschichte des Protagonisten gleicht einem Dreiklang, dessen Widerhall den Leser nicht selten atonal aus dem Konzept bringt. Zum einen das Leben als Soldat, beinahe selbstverständlich, „normal“, einer gewöhnlichen Arbeit nachgehend. Zum anderen das Leben als Rekonvaleszenter auf der Schneide der Sense von Gevatter Tod, nicht wissend ob man(n) auf die eine oder andere Seite derselben kippt, ob es noch einen Tag danach geben wird. Und als dritter im Bunde ein Lebensstrang, den es sich zu erarbeiten gilt: das Leben als Versehrter, Behinderter, Stigmatisierter, als Ausschussware der Kriegsmaschinerie… oder als anderer, aber vollwertiger Mensch.

Dabei geht es nie explizit um ein moralisierendes Anklagen wessen auch immer. Es geht um das ganz persönliche Schicksal von BA5799 geschildert von den unpersönlichsten Dingen, eine Distanz schaffend, die den Abgrund des Vorher und Nachher noch um ein vielfaches tiefer und schwärzer erscheinen lässt. Einen Abgrund der das Potential in sich trägt jeden zu verschlucken, der nicht um seinen Wert kämpft, der keinen Rückhalt in sich selbst und keinen Ankerpunkt in einem neuen, einem zweiten Leben zu finden vermag.

Fazit:

Harry Parker weiß, wovon er spricht. Und das tut er ohne Filter, ohne unnötiges Pathos, ohne Beschönigungen. Er changiert glaubwürdig zwischen dem pflichtbewussten Soldaten und dem Menschen, der zum einen die Bewohner eines fremden Landes zu verstehen sucht, zum anderen sich zurückkämpft in ein „normales“ Leben  in der ihm vertrauten Kultur. Einer Kultur, die ihm zu einem nicht unerheblichen Teil fremd geworden ist, deren Wertigkeiten er für sich neu einstuft, einstufen muss, will er nicht nur ein Versehrter an Physis und Geist bleiben.

Zum Buch:

Als gebundenes Buch liegt das Exemplar mit Schutzumschlag für diese Rezension vor. Der stabile Buchblock setzt sich aus etwas mehr als 350 Seiten zusammen deren Bedruckstoff von angenehmer Haptik ist und dessen Einarbeitung in die festen, imprägnierten und künstlerisch dezent gearbeiteten Buchdeckel keine Wünsche offen lässt. Typografisch ist der angenehm lesbare, aus der Minion Pro gesetzte Text bis auf die Kapitelziffern sehr schlicht gehalten. Die bildnerische Gestaltung des Umschlages versucht eine Visualisierung der physischen wie psychischen Zerrissenheit des Menschen hinter dem Soldaten BA5799, was aus meiner Sicht in bestechender Einfachheit des Motives gut gelingt.

Buchdaten:

  • Titel: „Anatomie eines Soldaten“
  • Autor: Harry Parker
  • Umfang: 352 Seiten
  • Verlag: Benevento
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-7109-0002-0
  • Größe: 15,5 x 13,5 x 3,5 cm

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