Märchen und Drama in einem Band, zwei zeitlose Meisterwerke Zuckmayers

By | 9. April 2014

"Der Hauptmann von Köpenick / Des Teufels General" - Carl Zuckmayer„Wichtig is gar nichts, dazu is de Welt zu groß. Aber richtig, richtig soll’s zugehn.“ (S.90)

Zum Inhalt:
„Der Hauptmann von Köpenick“ trägt den Untertitel „Ein deutsches Märchen in drei Akten“, und auf den ersten Blick mag es märchenhaft wirken, doch erkennt des Leser / der Theatergast nicht allzu selten Parallelen zu einer Welt, die immer wieder die Seine ist.
Hauptmann Schlettow soll eine neue Uniform beim jüdischen königlich-preußischen Hoflieferanten Adolf Wormser angepasst bekommt. Als durch und durch stolzer preußischer Soldat legt Schlettow penibel Wert auf die korrekte Ausführung auch der kleinsten Kleinigkeit, denn alles muss Recht und Ordnung haben. Zum ersten Mal tritt auch Wilhelm Voigt, der Hauptcharaktere des Stückes auf. Frisch aus der Justitzanstalt entlassen, in die er durch viel Pech und widrige Umstände gelangte wurde, versucht der gelernte Schuhmacher in seiner Heimat eine Arbeit zu finden. Nachdem Voigt von Wormser, der in ihm einen Bettler und Tagediebt sieht, aus seinem Geschäft gejagt wurde, erfährt man die näheren Umstände, warum Wilhelm so dringend einen Job braucht, in der nächsten Szene: um eine Aufenthaltsgenehmigung und einen Pass zu erhalten, muss der Antragssteller in den Mühlen der preußischen Bürokratie zuerst nachweisen, dass er einen Wohnsitz hat und einer geregelten Arbeit nachgeht. Um eine Arbeit zu erhalten benötigt eben dieser Arbeitsuchende jedoch einen Pass und eine Aufenthaltsbestätigung. Eine kafkaesk anmutende Situation, für die jedoch keiner der Beamten denen Voigt sein Anliegen vorträgt, ein Ohr hat. So zieht sich die redliche aber dennoch erfolglose Suche Voigts nach einer Arbeit durch das gesamte Stück.
Schlettow, der in Zivil in ein Handgemenge mit einem betrunkenen Grenadier in einem Lokal verwickelt wird, muss aufgrund dieses Vorfalls seinen Abschied nehmen. Voigt sieht darin, nicht zu Unrecht, seine Meinung bestätigt, dass eben Kleider Leute machen, v.a. in der preusischen Armee, denn in Montur hätte der Grenadier den Hauptmann sofort als solchen erkannt und nie und nimmer einen Streit angefangen. Voigt der mittlerweile keinen anderen Weg mehr sieht, versucht mit seinem Freund Kalle aus dem Nachtasyl, in ein Passamt einzubrechen, um sich dort die entsprechenden Papiere zu besorgen, mit denen er sich dann eine geregelte Existenz durch Arbeit aufbauen will. Die beiden werden erwischt und Voigt wandert wieder für 10 Jahre hinter Gitter.
Erneut entlassen besucht er Mariechen, seine Schwester, und deren Mann Friedrich Hoprecht. Die beiden drängen ihn bei ihnen zu bleiben, zumal Friedrich einen Mann im Hause wünscht, der Mariechen in ihrem Seifengeschäft zu Hand geht und die kranke, junge Untermieteren etwas pflegt. Friedrich ist voller Erwartung bei der anstehenden Truppenübung befördert zu werden, da es ihm nach Recht und Gesetz zustehen würde. Als Friedrich von der Übung zurückkehrt ist er sichtlich schwer enttäuscht. Auf Nachfragen Voigts schildert er ihm die Umstände, welche dazu geführt haben, dass er nicht befördert wurde und versucht diese, Beamter wie er ist, nach allen Regeln der Kunst vor sich selbst zu rechtfertigen. Für Voigt, der während der Abwesenheit Friedrichs den Tod des kranken Mädchens miterleben musste und vom Amt ausgewiesen wurde, bricht mehr und mehr der Glaube an das System von Recht und Ordnung zusammen. Er beschließt das System zur Abwechslung einmal für, anstatt gegen sich arbeiten zu lassen.
In einem Laden für gebrauchte Kleider erwirbt Wilhelm Voigt die Uniform eines Hauptmanns, fährt zum Köpeniker Rathaus und rekrutiert auf dem Weg dorthin noch einige Soldaten, welche ohne zu Fragen dem „Hauptmann“ folgen. Es gelingt ihm die gesamte Führung von Köpenick in diesem Streich ohne nennenswerten Widerstand festzusetzen, sowie die Gelder des Gemeindeamtes ganz offiziell übergeben zu bekommen. Jeder der dienstbeflissenen Beteiligten will dem „Hauptmann“ als Repräsentanten der preußischen Ordnung keinesfalls Steine in den Weg legen.
Nach dieser Posse, die hohe Wellen in Politik und Gesellschaft schlägt, taucht Voigt wieder unter. Der Polizeiapparat steht vor einem Rätsel, zumal er mit seinen eigenen Strukturen / Waffen geschlagen wurde. Um so unmöglicher erscheint es den Übeltäter zu fangen. Der mit der Aufklärung des Falls beauftragte Inspektor staunt deshalb nicht schlecht, als sich Voigt kurze Zeit später stellt, mit nur einer Bedingung: er möchte, wenn er die Strafe für die Tat abgesessen hat, endlich einen Pass erhalten.

Fazit: Hat der Einzelne in den Mühlen eines dogmatisierten Staates eine Chance irrwitzigen Bestimmungen entgegenzutreten, ohne dabei auf der Strecke zu bleiben? Kann durch eine „schlechte“ Tat etwas Gutes entstehen oder zieht sie nur weitere „schlechte“ Folgen nach sich?  Fragen, die auch in Texten Kafkas immer wieder kehren (z.B. „Das Schloß“ ) und die Angesichts immer größerer Zusammenschlüsse in Wirtschaft und Politik wohl auch heute noch von gleicher Relevanz sind.

„Des Teufels General“ zurecht als Drama tituliert und untrennbar mit der hervorragenden filmisch-schauspielerischen Umsetzung des Curd Jürgens verbunden. Der gleichzeitig verehrte und gefürchtete Fliegergeneral Harras lädt anläßlich des 50. Luftsieges des linientreuen, naiven Nationalsozialisten Oberst Eilers zu einer Feier im noblen Berliner Nachtlokal „Otto’s Restaurant“. Aufgrund seiner Verdienste sieht man Harras, der stets einen Eintrittt in die Partei abgelehnt hatte, immer wieder seine kaltschnäuzigen Untergriffe in Richtung NSDAP und Hitler nach. Als jedoch eine nicht abreißen wollende Serie von Unfällen in der Produktion der Luftkampfmaschinen, welche Harras untersteht, die Gestapo auf den Plan ruft, wird es eng für den General. Weder seine Beziehungen, noch seine militärischen Meriten vermögen letzten Endes das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Er macht in einem seiner besten Freunde, dem Chefingenieur Oderbruch einen der Verantwortlichen für die Sabotageakte an den Flugzeugen aus, kann diesen jedoch aus eigener Überzeugung nicht an’s Messer der SS liefern. Oderbruch, der Harras‘ kritische Denkweise kennt, versucht diesen noch auf die Seite der Widerständler zu ziehen, doch für Harras ist es bereits entschieden: „Wer auf Erden des Teufels General wurde und ihm die Bahn gebombt hat – der muss ihm auch Quartier in der Hölle machen.“ (S. 270).
Während der Schilderung – angesiedelt im „Spätjahr 1941, kurz vor dem Eintritt Amerikas in den Krieg“ (S.135) – der Ereignisse, die in den drei Akten eine zum einen zerissene Persönlichkeit Harras und zum anderen dessen moralische Integrität gegenüberzustellen versucht, werden politisch-gesellschaftliche Facetten wie Rassenwahn, Judenverfolgung, Widerstand, Soldatenehre ebenso wie Reichstreue thematisiert und über die einzelnen zum Teil erheblich überzeichneten Charaktere in Bezug zueinander gesetzt. Einen zentralen Dreh- und Angelpunkt stellt auch die Frage nach der vielbeschworenen historisch-deutschen Identität dar, die sich mit den offenkundigen Dogmen der NSDAP nicht in Übereinstimmung bringen lässt.
Die Aufnahme des am 12.12.1946 in Zürich uraufgeführten Stückes war durchaus nicht nur von Lob gekennzeichnet so schreibt Dr. Michael Schmidt in Kindlers Literaturlexikon (Bd.17 / S. 1112): „Die Fragwürdigkeit des Stücks beruht nicht allein auf der politischen Ahnungslosigkeit und moralischen Skrupellosigkeit, mit der sich der überaus sympathisch gezeichnete Held einem Regime verschreibt, dessen Unmenschlichkeit durch die Verteufelung nur oberflächlich erfasst wird, sondern v.a. auf Zuckmayers dramatischer Konzeption: Um auch in einem Stück über das Dritte Reich ein potente Kraftnatur seines stereotypen Dramenhelden, dessen Schnoddrigkeit seine eigentliche Herzenswärme kaschieren soll, recht in Szene zu setzen, reduziert er das politische Hintergrundgeschehen zur bloßen Staffage, die jeder zeitkritischen Signifikanz enträt.“

Fazit: Ein faszinierendes literarisches Stück Zeitgeschichte, dessen durchschlagender Erfolg auf den deutschsprachigen Bühnen der Nachkriegszeit ein Phänomen für sich darstellt. Die Fragen die Zuckmayer aufwirft sind weitaus tiefgreifender und Zeitlose, als auf den ersten Blick vermutet werden mag. Ob es nun die Frage nach der Existenz eines Gottes sein mag, jene der Verantwortlichkeit des Einzelindividuums in einem ideologisierten Staatsapparat oder die simple Sinnfrage dessen wofür man einsteht, in den 3 Akten werden alle, wenn schon nicht erschöpfend, so doch mehr als nur umrisshaft thematisiert.

Zum Buch: Der Fischerverlag hat mit diesem Taschenbuch ein sehr angenehm lesbares Buch herausgebracht, das aus meiner Sicht sehr empfehlenswert ist. Einzig die schlechte Verleimung ist eine unangenehm auffallende Schwachstelle.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Hauptmann von Köpenick / Des Teufels General“
  • Autor: Carl Zuckmayer
  • Taschenbuchausgabe: 272 Seiten
  • Verlag: Fischer (Sonderausgabe 1992)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-596-11219-2
  • Größe: 19 x 12 x 1,5 cm

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