Menschsein in kosmischem Kontext

By | 1. Juni 2016

"Zielstern Beteigeuze" - Karl-Heinz Tuschel„Was sie suchten, hatten sie nicht gefunden, was sie fanden, hatten sie nicht gesucht.“ (S.5)

Zum Inhalt: Auffälligkeiten im astrophysikalischen Verhalten des Sternes Beteigeuze rücken diesen in den Fokus der Forschung in einer Zukunft, in der es den Menschen gelungen ist, bemannte Raumfahrt auch über dermaßen große Distanzen möglich zu machen. Ein Crew bestehend aus Hirosh – Arzt und Koch -, Atacama – der ursprünglichen Leiterin der Expedition und Astrophysikerin -, Kiliman – einem Gesellschaftswissenschaftler -, Woleg – einem Raumfahrttechniker -, Delawara – einer Astronomin und Pilotin -, dem Ehepaar Rila und Gibralt – Meßtechniker und Piloten -, den Zwillingen Vienna und Kerala – den Basistechnikerinnen – und Elber – dem Planetologe- wird in Richtung des Sternes auf Kurs gebracht. In einem weitestgehend autark agierenden Raumfahrzeug gelangen sie wohlbehalten in ihr Zielgebiet, um dort festzustellen, dass die vorgefundenen Konstellationen weit mehr Rätsel bereithalten, als ursprünglich angenommen. Der vorgezeichnete wissenschaftliche Plan der Expedition und deren inhaltliche Zielsetzung müssen mehr und mehr hinterfragt werden, zumal niemand mit der Entdeckung eindeutiger Spuren einer Zivilisation gerechnet hatte, und schon gar nicht auf einen ersten Kontakt zu hoffen wagte. Die teils verwirrenden Antworten auf die unzähligen Fragen muss die Gruppe der Raumfahrer dabei dem  System rund um den Zentralstern Beteigeuze in mühevoller und spannender Weise abringen. Dass diese Antworten sich nicht stets in rein naturwissenschaftlichen Zusammenhängen, mathematischen Modellen und mit noch so ausgefeilten technischen Apparaturen finden lassen, wirft die Mitglieder der kleinen Gruppe – jeden auf seine ganz individuelle Art und Weise – auf den Kern des Menschseins und dessen kosmische Bestimmung zurück.

Fazit: Im Untertitel dem Genre des wissenschaftlich-phantastischen Romans zugeordnet weist der Text eine beinahe archetypische Klarheit in puncto Thematik, stilistischer und thematischer Aufbereitung, sowie sprachlicher Gestaltung auf. Dabei geht es weniger um den Aufbau einer reißerischen Spannung mit epischen Raumschlachten, apokalyptisch hereinbrechenden Unbilden oder charakterlich flach gezeichneten Aliens. Der raumfahrende, forschende Mensch steht mit seiner Sinnsuche im Zentrum des Geschehens. Längst sind Lichtjahre-weite Reisen kein Thema, auch Gravitationsmanipulation im eingeschränkten Maße möglich und dennoch bewegt stets die Frage nach dem Zweck des Daseins der Menschheit als Gesamtes und der Aufgabe des Individuums in diesem Kollektiv, sowie im kosmischen Kontext, den Forschergeist. Nicht nur einmal schneidet Tuschel in höchstem Maße gesellschaftsphilosophische Fragen an. („Die Philosophen haben gelehrt: In der Gesellschaft wird sich die Natur ihrer selbst bewußt.“ S.295) ), es ist auch das Kollektiv en miniture der Mannschaft, die in ihrer fast abgeklärt wirkenden wissenschaftlichen Distanz ihre zwischenmenschlichen Probleme exemplarisch zu lösen imstande ist. Man ist versucht darin eine Art Entwurf einer Idealgesellschaft zu sehen, deren fiktionale Bühne Tuschel zur Ausgestalltung sozialer Szenarien verwendet. Vielfach spielen dabei Technik und Wissenschaft eine tragende Rolle, immer jedoch auf dem Hintergrund eines zutiefst positiven Menschenbildes welches genau dieses Mensch-Sein als Kern der Stärken einer räumlich und zeitlich expandierenden Menschheit versteht. („»Ach, Junge«, sagte Hirosh seufzend, »unsere Mittel reichen weder aus, die Vermutung zu beweisen, noch, sie zu widerlegen. Sie ist bloß gegenwärtig grade mal nicht in Mode. Lebe noch ein bißchen länger, und du merkst, in der Wissenschaft gibt es auch Moden. Hat es schon immer gegeben.«“ (S.125)). Faszinierend ist auch auf diesem Hintergrund die Herausarbeitung gruppendynamischer Aspekte die nie konstruiert wirken, sondern sich organisch aus dem stimmigen Agieren der Protagonisten ergeben, dabei aber stets auch für den Leser nachvollziehbar bleiben. (Beispielhaft sei hier die Ablöse in der Leitungsfunktion der Expedition erwähnt.)

Zum Buch: Der farbig gestaltete Deckeneinband umschließt einen 304seitigen sehr stabil verarbeiten Buchblock, dessen Seitenbedruckstoff recht dünn ist und zum Vergilben neigt. Für die Typografie zeichnet Doris Ahrends verantwortlich, wobei der aus der Garamond® gesetzte Fließtext mit 11p eine angenehme Größe für entspanntes Lesen bietet. Neben dem Einbandmotiv hat Günter Lück auch die über den Text verteilten SW-Zeichnungen beigetragen, welche der Atmosphäre des Textes zusätzliche Intensität einhauchen. Neben dem bereits erwähnten etwas grobfaserigen Papier ist druck- resp. satztechnisch anzumerken, dass v.a. ab dem letzten Drittel der Seiten der Satzspiegel etwas gekippt – in Bezug auf den Frontschnitt des Buchblockes – auf der Seite zu liegen kommt (siehe hier als Beispiel). Einige kleinere Fehler im Druck tun dem v.a. auch künstlerisch ansprechenden Gesamteindruck des Bandes jedoch keinen Abbruch (z.B. hier).

Buchdaten:

  • Titel: „Zielstern Beteigeuze“
  • Autor: Karl-Heinz Tuschel
  • Umfang: 304 Seiten
  • Verlag: Neues Leben Berlin (2. Aufl. 1983)
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 303 (305/327/83)
  • Größe: 21,7 x 14,8 x 1,9 cm

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