Minimalleben – Buchbesprechung zu „Dürre Jahre“ – Helen Flöss

By | 27. Mai 2017

Minimalleben - Buchbesprechung zu "Dürre Jahre" - Helen Flöss„Schlank ist in. Dünn ist besser. Dürr ist ideal.“ (S.17)

Zum Inhalt:

Dali, ein junges Mädchen, hat das Gespür für ihren Körper, sein gesundes Bedürfnis nach Nahrung verloren. Sie leidet – und dies im wahrsten Sinne des Wortes – an Magersucht. Ein Lebensleidensweg, dessen Fix- und Angelpunkte aus der versch(r)obenen Beschäftigung mit Essen bestehen. Aus Traumata einer Seele, die danach dürstet sich mitteilen zu können, der jedoch das Instrumentarium fehlt, begreiflich zu machen, wie es im aufgewühlten Inneren aussieht. Die Erzählung begleitet Dali durch die Auf und Abs dieser perfiden Krankheit, beleuchtet ihre Gedankengänge, ihre Ängste, ihre Freuden und Hoffnungen, ihren Kampf zurück in ein vielleicht gesünderes Über-Leben…

Fazit:

Helene Flöss trifft mit einem Satz in der Erzählung jenen Nerv, den v.a. Freunde, Angehörige und v.a. Partner jener Menschen die an Anorexie leiden vorbehaltlos unterschreiben könnten: „Dein Selbstmord in Stücken und wir, die dir dabei zuschauen.“ (S.59) In keinem Part des Textes geht es der Autorin um Effekthascherei. Beinahe schmerzhaft nüchtern schildert sie ein Leben auf der Schneide eines Messers, welches Nahrung nach völlig anderen Gesichtspunkten einteilt, als dies bei „gesunden“ Menschen der Fall wäre. Aus der eigenen Erfahrung mit Betroffenen kann ich dem Text ein hohes Maß an Authentizität, an klarer Ehrlichkeit und einen Grundtenor der Hoffnung attestieren, wie man ihn selten findet. Er macht Mut ohne das Blaue vom Himmel zu versprechen, legt Finger auf Wunden, die unsere Gesellschaft mit dem Mäntelchen der Abschiebung und Ausgrenzung nur allzu gerne zudeckt. Und es ist auch diese Hoffnung, die es gilt aufrechtzuerhalten, wenn Trauer als Schwarzer Sumpf vor jenen liegt, denen man Gutes will und sie das Gefühl haben, „sie findet da nicht mehr heraus. Nicht aus dem Grabbett und nicht aus dem Hungern.“ (S.56)
Keine leichte, aber eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die v.a. eines fördert: das Verstehen.

Zum Buch:

Der kleine Band aus dem Haymon-Verlag zeichnet sich durch eine mit dem Text stimmige künstlerische Umschlaggestaltung für die Kurt Höretzeder aus Scheffau/Tirol zeichnet aus, ebenso wie durch eine sehr klare Typografie mit relativ großen Schrifttypen. Die Seiten wurden in haptisch angenehm starkem Papier gehalten, dem der feste Paperbackumschlag mit seinen abgerundeten Ecken ein solides Aussehen verleiht, ohne dabei die Schwere der dunklen Titelfotografie noch zu unterstreichen. Einziges handwerkliches Manko stellt eine nicht sonderlich gute Verleimung von Buchblock und Umschlag dar.

Buchdaten:

  • Titel: „Dürre Jahre“
  • Autor: Helene Flöss
  • Umfang: 86 Seiten
  • Verlag: Haymon Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • SBN-13: 978-3-85218-803-4
  • Größe: 19,0 x 11,4 x 0,9 cm

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