Mission Bildung…

By | 31. August 2012

"Bildung" - Dietrich SchwanitzZum Inhalt: Auf den ersten 264 Seiten schafft Schwanitz etwas ausgesprochen Unglaubliches: er komprimiert die Geschichte Europas zu einem in sich verzahnten, spannenden Geflecht an Zusammenhängen, die sich vielfach erst durch diese enge Bezugnahme aufeinander wie von selbst schlüssig Erklären. Fakten die Schüler oft als unverständliche Aneinanderreihung staubtrockenen Historienballasts empfinden, werden lebendig und der Leser beginnt die tektonischen Ausläufer längst vergangener Ereignisse in unserer „Tagesschau“ wieder zu finden. Das Ganze auch noch mit der gut geführten Klinge feinen Humors präsentiert, macht die Lektüre zum Genuß. Ganz nebenbei enthält dieser Abschnitt des Buches die in meinen Augen beste Zusammenfassung der Verwandschaftsverhältnisse der griechischen Mythologie.

Der anschließende Block widmet sich der Literatur im weiteren und der deutschsprachigen  Literatur im engeren Sinne. Anhand einer Auswahl von Werken, welche laut Schwanitz repräsentativ für kulturelle Entwicklungen sind und eine Art Momentaufnahme kulturellen Inventars darstellen, erläutert er deren Zusammenhänge in geschichtlichem, soziologischem und nicht zuletzt literarischem Kontext. Viele große Werke werden kurz inhaltlich vorgestellt und erklärt. (Dies ist übrigens ein wahrer Fundus für all jene die sich vor der Aufgabe sehen einen Abriss einer Geschichte präsentieren zu müssen, aber nicht die Zeit haben derart epische Werke wie z.B. „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann zu lesen.) Auch die Erklärung, warum sich Schwanitz gerade auf diese Auswahl von Werken beschränkt, wird schlüssig und gut dargelegt.

.Schon im Kapitel zur Literatur verweist Schwanitz immer wieder auf Zusammenhänge mit Philosophie, Musik und bildender Kunst. Diesen Wissens- oder Bildungsgebieten sind die darauf folgenden Seiten gewidmet, auf denen in anspruchsvoller, nichts desto weniger aber weiterhin unterhaltsamer Art Zusammenhänge geknüpft, Querverweise erstellt und so manches AHA-Erlebnis initiiert wird.

Gute gelungen ist ebenfalls der Exkurs in die Geschichte und Kultur des Feminismus – resp. der Geschlechterdebatte -, die Aspekte aufzeigt, wie sie in dieser konzentrierten, sowie gut aufbereiteten Form selten zu finden sind.

Wer nun glaubt ein Werk vor sich zu haben, das sich, wenn auch auf hohem Niveau, darauf beschränkt Wissen in Form von Fakten, Tabellen und Zeittafeln zu präsentieren, der könnte weiter nicht fehlen. Amüsant, stets mit einem Schmunzeln, jedoch nie lächerlich führt der Autor seinen Leser im Kapitel über Können in das Regelwerk der Verhaltensweisen unter Gebildeten ein. Hier gelangen auch Themen wie  Sprache, Buch und Schrift, Länderkunde, sowie die Bereiche Intelligenz, Begabung und Kreativität zur Sprache. Zuerst befremdlich ob des Titels, aber schlüssig, wenn man sich erst einmal darin vertieft hat, ist der Abschnitt „Was mann nicht wissen sollte.“

Eine sehr gute Hilfestellung für den Bildungsbeflissenen stellt die Zusammenstellung von ca. 50 Werken dar, die man zumindest ansatzweise kennen sollte, wenn man sie schon nicht alle Lesen kann.

Abgerundet wird der ausgezeichnete Inhalt des Buches durch eine kommentierte Zeittafel mit wichtigen geschichtlichen Zeitbojen, an denen man sich auf dem Weg durch die  Historie orientieren kann; weiters durch ein sehr interessantes Kapitel mit dem Titel „Bücher die die Welt verändert haben“, sowie einem Abschnitt mit Empfehlungen, welche Bücher besonders für eine Vertiefung bestimmter Themengebiete geeignet sind. Den Schluss bildet eine Chronologie der Kulturgeschichte und eine gut aufbereitetes Namensregister, sowie eine Nachwort zur Entstehung des Buches.

Fazit:  Hätte ich zu Zeiten meiner Schulbildung ein entsprechend gut strukturiertes Werk in Händen gehalten, die Zusammenhänge -v.a. geschichtlicher Natur – hätten sich wesentlich leichter, nachhaltiger und interessanter erschlossen. Ein aus meiner Sicht herausragendes Buch, das eine lockere und doch für die Orientierung im Erbe unserer Kultur verbindliche Klammer um jenes Gebiet schafft, welches man als „Bildung“ bezeichnet.

Zum Buch: Was bei Paperback-Büchern dieser Dicke nicht selbstverständlich ist, wurde bei diesem Buch einwandfrei gewährleistet: eine sehr gute, stabile Verleimung des Buchblockes. Der Umschlag ist ansprechend gestaltet, wobei die Optik zu sehr auf dem „Buchwissen“ liegt und sich Schwanitz bei Weitem nicht nur darauf beschränkt.

Buchdaten :

  • Titel: „Bildung – Alles was man wissen muß“
  • Autor: Dietrich Schwanitz
  • Taschenbuch: 697 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag; Auflage: 10 (1. Februar 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442151473
  • ISBN-13: 978-3442151479
  • Größe und/oder Gewicht: 18 x 12,4 x 4,8 cm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.