Parallelgesellschaften

By | 9. April 2016

Parallelgesellschaften - "Götter" - Will Hofmann„Ich wollte, ich wüsste forthin einmal, was dorten ist.“ (S.152)

Zum Inhalt: Mitten in einer Gesellschaft, welche von sich selbst gerne als Hochkultur spricht, existieren Reservate, in denen über Generationen hinweg Menschen nach Geschlechtern getrennt leben. Wobei sich dieses Leben in der täglichen (Fron-)Arbeit für die Götter und der religösen Verehrung derselben ergeht. Die strikte Ordnung in diesen Mikrogesellschaften wird durch lange Tradition, bevormundende Religion, bewusst gesteuerten Mangel an Bildung und drakonische Strafen bis hin zum Tod durch Erhängen aufrecht erhalten. Nutznießer sind die Götter. Hinter ihnen verbergen sich keine anderen als brave Bürger eben derselben Hochkultur, die der Leser kennt, mit der er sich zum großen Teil identifiziert. Bürger die ihre lieb gewonnenen Pfründe bereits über Jahrzehnte hinweg zu schützen wissen und sich hinter einer Geheimorganisation, genannt „Streber“ – einer Sekte gleich – bedeckt halten.

Agnes und Clemens jedoch sind Ausnahmen. Aus unterschiedlichen Beweggründen heraus bewerkstelligen sie ihre Flucht aus ihrem jeweiligen Reservat und finden sich im Umland, um sich einen langen Weg in die Zivilisation zu erarbeiten. Hierbei werden sie von Clemens, sowie einigen weiteren Helfern unterstützt, damit sie in der neuen Kultur Fuß fassen können. In rasantem Tempo lernen sie mit den Segnungen der Technik und den intellektuellen Errungenschaften wie Lesen, Schreiben, Rechnen etc. umzugehen, oder vielmehr sie sich einzuverleiben.
Der in bester Hollywood-Manier inszenierte Happy-End-Abschluss führt zur Auflösung der Reservate, Befreiung der Insassen und dem Zusammenführen von Verschollen geglaubten zu einer Familie nach traditionellen Vorstellungen – und nicht zu Vergessen der Bestrafung der „Schuldigen“.

Fazit: Die Idee hinter der Geschichte um eine Parallelgesellschaft abseits aller technischen Errungenschaften, des kulturellen Fortschrittes und beinahe überbordender staatlicher Überwachung ist vom Grundprinzip ein spannender Ansatz, dem der Autor in Ansätzen auch gerecht werden kann. Aber eben nur in Ansätzen: das Leben in den Reservaten bedürfte einer weitaus intensiveren v.a. psychologischen Betrachtung, ebenso wie der Erwerb der Fähigkeiten, die in den Robinsonaden von Agnes und Günter anschließend als selbstverständlich vorausgesetzt werden.

Selbst wenn sich der Leser auf die oft recht abstrusen Ideen und Folgerungen des Textes einlässt, bleibt doch immer wieder an verschiedensten Punkten des recht zerfahrenen Handlungsstranges ein schales Gefühl von Absurdität, das auch ellenlange geschichtliche Ausführungen letztendlich nicht zerstreuen können. Es will sich während der gesamten Lektüre keine rechte Kontinuität in der Geschwindigkeit des Erzählens einstellen und der Aufbau eines Spannungsbogens gelingt nur marginal. Ein per se interessantes Thema, welches aber in dieser Ausführung keine Leseempfehlung wert ist.

Zum Buch: Bei der Lieferung des druckfrischen Exemplars waren die Seiten am Beschnitt des Buchblockes noch ein wenig miteinander verklebt, was handwerklich gesehen jedoch das einzige Manko an der buchbinderischen Ausführung des Bandes darstellt. Die künstlerische Gestaltung der Buchdeckel ist sprechend und allegorisch bezogen auf den textuellen Inhalt, der Reliefdruck und die Unschärfen im fotografischen Bildbereich verleihen dem Motiv sowohl haptische als auch optische Tiefe – die sich leider, wie oben ausgeführt, nicht im Text niederschlägt. Die solide Verarbeitung, eine lesefreundliche typografische Textausführung, sowie die gefällige Kleinigkeit eines Lesebandes runden den positiven Eindruck der handwerklichen Buchgestaltung ab.

Buchdaten:

  • Titel: „Götter“
  • Autor: Will Hofmann
  • Umfang: 400 Seiten
  • Verlag: Fabulus Verlag (2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-944788-34-0
  • Größe: 21 x 13,5 x 4,5 cm

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