Ressentiment und der Untergang eines Helden…

By | 15. Mai 2015

"Die Tarnkappe" - Reinhold Schneider„Aber ich kenne ihn nicht. Ich kenne sein Leben nicht. Ich kenne nur einen schmalen Uferrand, nicht das Meer.“ (S.319)

Zum Inhalt: Das als Drama angelegte Stück schildert die letzten Stunden Siegfrieds, jenes nordischen Helden, der in seiner Stärke immer wieder als nicht von dieser Welt tituliert wird und den Reigen der Nibelungenerzählungen maßgeblich prägt. Letzten Endes findet eine fatale Auseinandersetzung zwischen der eifersüchtigen Kriemhield und der sich hintergangen fühlenden Brunhild statt, welche alle anderen Agierenden in einen Sog von scheinbaren Unvermeidlichkeiten zieht, die den Untergang des Burgundischen Hauses einläuten sollten. Der Hort des Drachen spielt hierbei zwar mit, bleibt jedoch nur Staffage im Hintergrund. Das Suchen nach, sowie das Ringen um (vermeintliche) Sicherheiten in Zeiten schwelender Konflikte, sei es im christlichen Glauben, im Paktieren mit zweifelhaften Verbündeten oder dem sich Ergeben in das Spinnen der Nornen stellen Spannungsfelder dar, deren Kräfte die Menschen zu zerreißen drohen.

Fazit: Schneider, geprägt durch das Erleben zweier Weltkriege und das zunehmende Schwinden das Vertrauens in bleibende Werte, zeigt im Drama rund um Siegfried, welchen Einfluss Herkunft, Glaube und die ganz persönlichen Entscheidungen auf den Lauf der Geschichte von Dynastien, von Völkern haben können. In allegorischen Bildern, der Auseinandersetzung zwischen Tradiertem und dem „neuen“ christlichen Glauben, sowie den daraus resultierenden Handlungen empfinden sich die Akteure immer wieder als getriebene („Der Sturm treibt die Völker vor sich her, wie die am Meer dahinwanderenden Dünen.“ (S.21)). Als literarischen Fingerzeig lässt der Autor diese fatalistische Einstellung jedoch so nicht gelten, zumal sie die moralische Verantwortung für das ganz persönliche Handeln allzu leicht einem apersonalen Gegenüber zuschiebt und nicht selten Kriege mit dem höheren Auftrag eines Gottes zu rechtfertigen sucht. („Priester: Die Kirche segnet den Menschen, nicht das Schert.“ (S.30)). Die Verantwortung ist so in letzter Konsequenz stets eine unübertragbar individuelle.

Zum Buch: Das vorliegende antiquarische Buch präsentiert sich auch nach über 60 Jahren noch integer in seiner Verarbeitung und stabil in der Bindung. Das Papier ist zwar etwas faserig, aber ansonsten in einwandfreiem Zustand. Gesetzt wurde der gut lesbare Text in Linotype-Garamond. Summa summarum ein kleines bibliophiles Kunstwerk, das dem Leser inhaltlich und äußerlich Freude bereitet.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Tarnkappe“
  • Autor: Reinhold Schneider
  • Ausgabe: 68 Seiten (EA, 1951)
  • Verlag: Inselverlag (Insel-Bücherei Nr. 486)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 12 x 0,8 cm

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