Schicksalsträchtig…

By | 11. Dezember 2013

"Sternstunden der Menschheit" - Stefan Zweig Insel Bücherei 165„… denn ob auch Millionen Energien unsere Welt bewegen, immer sind es nur jene wenigen explosiven Augenblicke, die ihr dramatische Form geben.“ (S.5)

Zum Inhalt: In dem Band Nr. 165 aus der schon legendären Insel Bibliothek unternimmt Zweig in fünf historischen Miniaturen den Versuch darzulegen, das Geschichte in ihrem Verlauf an ganz zentralen Angelpunkten festgemacht werden kann…, die auch ganz anders hätten kommen können.

Die Weltminute von WaterlooMarschall Emmanuel de Grouchys hatte von Napoléon Bonaparte den Auftrag erhalten, den preußischen Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher mit seinen Truppen nicht aus den Augen zu lassen, um zu verhindern, dass sich eben diese mit den Truppen Wellingtons bei Quatre-Bas verbünden können. Die sture Befolgung dieses Befehles besiegelt das Schicksal Napoleons und zeichnet die politische Landkarte Europas neu.

Die Marienbader Elegie
… ist ein Liebesgedicht, zu sehen vor dem Hintergrund der Zuneigung Goethes als Mitsiebziger zu der um einige Jahrzehnte jüngeren Ulrike von Levetzow. Als Goethe erkennen muss, dass diese Liebe eine Unerfüllte bleiben wird, wendet er alle im verbliebene Energie seinem Spätwerk zu, welches die Literatur nachhaltig prägen sollte.

Die Entdeckung Eldorados
Johann August Sutter erwirbt in Kalifornien einen ansehnlichen Grundbesitz, baut sich eine solide Existenz auf und könnte als einer der reichsten Männer seiner Zeit glücklich sein. Wenn da nicht die Nachricht einer Entdeckung auf seinem Besitz wie ein Lauffeuer um den Globus gegangen wäre: Gold – gefunden im Sand einer Baugrube für ein Sägewerk. Der anschließende Goldrausch vernichtet sämtliches Hab und Gut Sutters und obwohl er  vor Gericht seinen Anspruch auf Schadenersatz erfolgreich ausficht, werden ihm die Früchte des Rechtstreites nie zuteil. So stirbt er als einer der rechtmäßig größten Grundbesitzer Kaliforniens völlig verarmt und gebrochen.

Heroischer Augenblick
Dostojewskis Hinrichtung auf dem Semenowskplatz in Sankt Petersburg, welche in letzten Augenblick durch den Zar Nikolaus I. aufgehoben und in Verbannung, Zwangsarbeit und Militärdienstpflicht umgewandelt wird, stellt den Rahmen dieser Ballade dar, in welcher es um den zentralen Augenblick der Nahtoderfahrung Dostojewskis geht. Durch sein Weiterleben war es ihm möglich das literarische Schaffen seiner Zeit nachhaltig mitzugestalten.

Der Kampf um den Südpol
Zweig schildert in sehr intensiven, aber keinesfalls um ihrer selbst willen effektheischenden Bildern den für Robert Scott tragisch endenden Wettlauf mit Roald Amundsen zum Südpol, jenem Punkt, der als eine der letzten wirklichen Herausforderungen für den Menschen angesehen wird.

Fazit: Sprachlich gewandt, nie schulmeisterlich und in fesselndem Stil richtet Zweig seinen Fokus auf fünf gewichtige Ereignisse die sowohl die politische, wie auch die künstlerisch-gesellschaftliche Landkarte unserer Welt geprägt haben. Er beschreibt mit schriftstellerischer Bravour die Geschehnisse, den Leser immer wieder unterschwellig dazu anregend, sich der Frage des „Was wäre wenn…“ zu stellen. Wären die Geschehnisse nicht so eingetreten, wie wäre die Geschichte verlaufen. Zweig hebt das filigrane Konstrukt des Ursache-Wirkungsgefüges, welches wir rückblickend als gegeben hinnehmen, aus dem anonymisierenden Datenwust der Lehrbücher auf eine spannende Erlebnisebene, der sich der Leser nicht entziehen kann.

Zum Buch: Sowohl Umschlaggestaltung, wie auch buchbinderische Verarbeitung des Buches sind sehr gut. Das Schriftbild ist typografisch mit der Linotype-Janson schlicht gehalten, was den Focus mehr auf den Inhalt denn die künstlerische Gestaltung des Textes legt. (Es ist übrigens , nur am Rande erwähnt, immer wieder spannend welche Funde man in antiquarischen Büchern machen kann. So wie dieses Lesezeichen von M.Spöttl aus des Lesezeichenserie I./3 im eben besprochenen Buch)

Buchdaten:

  • Titel: “Sternstunden der Menschheit”
  • Autor: Stefan Zweig
  • Gebundene Ausgabe: 80 Seiten (1961)
  • Verlag: Inselverlag Nr. 165
  • Sprache: Deutsch
  • Größe und/oder Gewicht: 18,5 x 12 x 0,8 cm

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