Strandgut – Rezension zu „Wenn das Meer leuchtet“ – Jessica Koch

By | 11. August 2018

Strandgut – Rezension zu "Wenn das Meer leuchtet" – Jessica Koch„Taten verletzen, Ignoranz zerstört.“ (Pos.36)1)

Zum Inhalt:

Marie ist nicht gerade das, was sie selbst als schön bezeichnen würde. Hinzu kommt, dass ihr ein sprachliches Handicap, welches sie für gewöhlich gut im Griff hat, die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen nicht wirklich erleichtert. Mit diesem Rucksack an Startschwierigkeiten und einer langjährigen Erfahrung an Ausgrenzung in unterschiedlichsten Schulklassen, versucht sie einen positiv gestimmten Neubeginn an einem College in Kalifornien.

Schon bald muss sie feststellen, dass es hier zwar formell um Studium, Zensuren, eben akadamischen Leistungskriterien geht, aber abseits ein wahrer Sumpf an gesellschaftlichen Spielchen unter Kommilitonen v.a. aber Kommilitoninnen getrieben wird. Es geht um Beliebheiten, um das Trittbrettfahren in Cliquen, die den eignen Wert, das Ansehen steigern und um das finden eines „Prügelknabens“. Pech für Marie denn, „wenn man einmal den Stempel „Opfer“ auf der Stirn trägt, kann man daran reiben und rubbeln, soviel man will, man wird ihn trotzdem niemals vollständig los.“ (Pos.27)

So sehr Marie sich auch bemüht gute Miene zum eindeutig bösen, hintertriebenen Spiel zu machen, so sehr verheddert sie sich in die ihr fremden Fallstricke der hintertriebenen Ränkespiele in Ausgrenzung, Mobbing und Rufmord – mit allen Mitteln.

Wäre nicht die schier grenzenlose Liebe zu ihrem seelenverwandten jüngeren Bruder Collin, der mit seiner Art ebenfalls überall aneckt, somit auch keine Fürsprecher oder Freunde in seinem sozialen Umfeld findet, hätte sie schon lange das Handtuch für immer geschmissen. Aus Rücksicht wollen beide ihre Eltern aus den Problemen, welche sie mit sich herumschleppen, heraushalten, haben diese doch ohnhin mit ihrer angespannten Arbeits- und Finanzsituation genügend um die Ohren.

Für Marie scheint es vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen schier unglaublich, dass es doch jemanden geben soll, der sich für sie als Mensch, als Person interessieren könnte. Die Zuneigung, welche ihr von einem Mitstudenten entgegengebracht wird erscheint ihr anfangs suspekt, ja beinahe fehlgeleitet. Das Sich-Einlassen auf sein Gegenüber ist ihr innigster Wunsch und gleichzeitig ihre größte Furcht. Letzten Endes mündet die emotionale Achterbahn in einer Entscheidung, die sie zu zerreißen droht…

Fazit:

Das Jessica Koch in ihren Texten nicht vor gesellschaftlich „heißen Eisen“ zurückschreckt, hat sie hinlänglich bereits mit ihrer „Danny-Trilogie“ bewiesen. In ähnlich einfühlsamer Manier thematisiert sie im Rahmen des neuen Romans Verhaltensweisen, welche zu oft unter den berühmten Teppich des Stillschweigenden-Übersehens gekehrt werden, schlicht deswegen weil wir allzuoft damit überfordert scheinen.

Der Prolog weist die Autorin wie folgt aus: „Jessica Koch möchte Klischees brechen, die Leser dazu animieren, sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen und hinzusehen. Vor allem will sie zeigen, dass es sich immer lohnt, einen Blick hinter die Fassade zu werden.“ (Pos.1)

Die Zivilcourage für sozial am Rande stehende, für gesellschaftliches Strandgut, wenn man es pointiert, jedoch nicht wertend, benennen möchte, erfordert es, aus der eigenen Komfortzone raus in die Exponiertheit des potentiellen Ungeliebtseins zu treten. Und keiner ist gerne unbe-/geliebt! Umso mehr bedarf es jener Menschen, die eine Lanze brechen für jemanden der anders – auf welche Art auch immer – ist, es braucht Menschen deren moralischer Kompass – zumindest in der Regel – in die „richtige“ Richtung zeigt, um bei einer Analogie zum Segeln zu bleiben, welches einen zentralen therapeutischen Ansatz im Text versinnbildlicht.

Selbstredend geht es im Roman (auch) um eine „klassische“ Liebesgeschichte, doch – so empfand ich dies zumindest – ist sie eher das Salz in der Suppe und nicht deren Nährwert. Die eigentliche Quintessenz findet der Leser ein wenig zwischen den Zeilen, manchmal sogar direkt darauf, in den unterschiedlichsten Formen der Zuneigung, von kollegialer Freundschaft, über Geschwisterliebe bis hin zu elterlicher Fürsorge oder dem einfachen Einstehen für einen Schwächeren.

Für all diese Formen findet Jessica Koch eingängige Analogien, treffende Aphorismen, stimmige Charaktere und einfühlsame Worte, die nicht reißerisch ins Licht zerren, aber auch nichts in wohlwollende Schatten abgleiten lassen, nur um genehm zu sein.

Aus meiner Sicht ein fesselnder Text, spannend aufgebaut, eingängig und flüssig lesbar, mit dem was man in Neusprech eine „Message“ nennt ;-). Gewisse Handlungsstränge erschienen mir bei der ersten Lektüre recht vorhersehbar, was den Gesamteindruck ursprünglich etwas trübte. Als ich mich mit der Rezension beschäftigte kam mir hierzu allerdings ein recht beunruhigender Gedanke: Wenn wir diese Fiktion bereits in Teilen richtig extrapolieren können, wie viel von diesen menschlichen Abgründen muss man dann schon selbst in der sogenannten „Realität“ selbst (mit)erlebt haben?

Und die viel wichtigere Frage: Ist man(n)/frau aufgestanden und hat etwas dagegen unternommen?

Eine Frage, die sich jeder Leser selbst zu stellen hat…

Buchdaten:

  • Titel: „Wenn das Meer leuchtet“
  • Autorin: Jessica Koch
  • Ausgabe: EBook (Rezensionsexemplar)
  • Verlag: FeuerWerke Verlag (16. August 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: noch nicht bekannt
  • Dateigröße: 742 KB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die EBook-Ausgabe des Rezensionsexemplares

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