Totgeglaubte leben länger…

By | 2. Mai 2016

Totgeglaubte leben länger... - "Das Sterbe-Schlamassel" - Anette Kannenberg„… Zombies gingen ja immer“ (Pos. 3582)

Zum Inhalt: Murray und Wichgreve, den Lesern aus dem ersten Band bereits als verschroben skurrile Weltenretter bekannt, sind tot. Aber doch nicht so ganz, was beide, nachdem sie sich im Jenseits erst einmal mehr schlecht als recht eingestorben haben, erfahren müssen. Im Diesseits zurückgelassen bleibt u.a. Séamus, Dr. Murray O´Connors Klon-Sohn,  dessen Begeisterung für das Medizinstudium den absoluten Nullpunkt erreicht hat. Abstand sowohl von seiner bei ihm lebenden Mutter, seiner esoterisch bewanderten Nachbarin Liz, sowie dem Schatten seines genialen Vaters will er im verlassenen großelterlichen Domizil als angehender Schriftsteller finden.

„Er würde Horrorbücher schreiben, etwas über Zombies, Zombies gingen ja immer.“ (Pos. 3582), so zumindest seine romantische Vorstellung, die er in diesem Beinahespukschloss in die Tat umzusetzen gedenkt. Um wie vieles realer diese Vorstellung in sein Diesseitsleben Einzug hält- oder vielmehr in dieses einbricht -, was seine gespenstische, blumenbeetfixierte Nachbarin, ein ahnungsloser Angestellter der Stadtwerke namens Hunter und die gar nicht so aus der Luft gegriffenen Geschichten seiner Großmutter damit zu tun haben, erfährt Séamus im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib.

Während all dieser Begebenheiten oder vielmehr als transzendentaler Urspungspunkt derselben ist es dem Physiker Wichgreve ein schier an Besessenheit grenzendes Anliegen auf wissenschaftlich korrekte Weise zu bestätigen, dass eine interirdische Kommunikation zwischen den Seienswelten möglich ist – und dies abseits der im Jenseits streng geregelten „postlethalen Konversation“ (Pos. 2179). Dabei geht es für ihn, Murray und Hunter nicht nur im übertragenen Sinne um Kopf und Kragen und für den Rest der Welt um nicht weniger als die Apokalypse… mit einem diabolisch schwarzhumoristischen Augenzwinkern versteht sich 🙂 .

Fazit: Dass Anette Kannenberg ihr Metier beherrscht, sieht man im doppelten Sinne: Zum einen ist es das inhaltliche Erlesen der Geschichte, zum anderen die lockere, durchdachte Gestaltung des Textes in typografischer und künstlerischer Hinsicht. So finden sich passend und stilvoll eingeflochten Textpassagen in Leipziger Fraktur, sowie schon auf dem Cover der Font Broken, der bereits in der Titelgestaltung einen Hauch der gedanklichen Versch(r)obenheit der Story erahnen lässt.

Die an Comics erinnernden Skizzen, anhand derer sich der Leser einen vagen Eindruck der verquerten Gedankengänge des Physikers Wichgreve machen kann, zaubern nicht nur ein Schmunzeln um die Mundwinkel. Sie halten einer halbwegs logischen inhaltlichen Überprüfung anhand des Textes einwandfrei stand. So ganz nebenbei helfen sie auch dem „naturwissenschaftlichen“ Verständnis – sofern man diesen Begriff hier verwenden möchte 🙂 – ungemein weiter.

War das „Mondmalheur“ noch eine weitestgehend dem halbklassischen SF-Genre zuzuordnende kurios bis grotesk anmutende Bühne auf der kauzige Charaktere ausgefuchste Gentechnologie, Raketentechnik und grenzgeniale Gravitationsmechanik praktizierten und deren Diesseitsbezogenheit dem Leser eine gewisse – wenn auch trügerische – Sattelfestigkeit im Hier und „Jetzt“ suggerierten, so muss man sich im zweiten Band der Trilogie auf wunderliche Séancen, surreale Szenerien, ausgesprochen Grenzwissenschaftliches und eine Humoreske á la Kannenberg einlassen. Und, so verstörend dies auch wirken mag, dabei dienen die nicht nur sozial derangierten Charaktere Murray und Wichgreve dem Lesenden als mentale Leitschiene, um sich nicht zwischen Diesseits, Jenseits und Solchseits zu verlieren.

Jedem der Lust verspürt, sich die schrill-schräge Geschichte zu geben, sei auf jeden Fall empfohlen den ersten Band vorab zu lesen, da sich erst aus diesem heraus ein Großteil des „Schlamassel“ erschließt. Die investierte Lesezeit lohnt sich allemal und zwar für beide Bücher.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Sterbeschlamassel“
  • Autorin: Anette Kannenberg
  • Ausgabe: Kindle Edition (310 Seiten Print)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01DM5JD84
  • Dateigröße: 1770KB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares

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