Über das Selbstverständnis der Science-Fiction

By | 18. Juli 2016

Über das Selbstverständnis der Science-Fiction„So ignorant es ist die utopische Literatur auf Zukunftsliteratur zu reduzieren, so reduziert ist utopische Literatur, die das historische Maß der Zukunft ignoriert.“ (S.52)

Zum Inhalt: Im Vergleich zu den ersten beiden Bänden aus der Lichtjahr-Reihe liegt der Schwerpunkt des dritten Bandes nicht primär in der Präsentation phantastischer Literatur im Sinne von Erzählungen, Kurzgeschichten oder der erzählerischen Entführung des Lesers in die Klassiker der SF. Es ist vielmehr ein Sich-zurücknehmen und sozusagen aus einer Art involviertem Abstand den Überblick zu entwerfen über die Landkarte der Phantastik. Zentrale Fragen dabei sind u.a.: Was ist phantastische Literatur, was macht sie aus? Welchen Beweggrund gibt es derartige Literatur zu entwerfen? Was sind die Beweggründe eines Schriftstellers sich diesem Feld schreibenden Schaffens zu widmen? Die Herangehensweisen sind erfrischend vielfältig, um nicht zu sagen oft scheinbar gegensätzlich, in letzter Konsequenz jedoch meist einander ergänzend. Ob es die durch Arkadi Strugatzki ausgedrückte Grundeinstellung ist (siehe Zitat am Ende des Artikels), welche sehr speziell auf die Phantastik abzielt, oder das Eingebettetsein in das Kaleidoskop der Literaturschaffenden im Allgemeinen und ihre auch ideologische Bedeutung im speziellen („Utopische Literatur, scheinbar ein Musterbeispiel für Unverbindlichkeit, ist (wie jede Unterhaltungsliteratur!) in Wirklichkeit ideologieträchtig.“ (S.100)), stets wird versucht sich dem Phänomen der SF so individuell zu nähern, wie es auch dem Anspruch der unterschiedlichen Autoren entspräche.
„Daß es so viele miserable SF-Geschichten gibt, spricht nicht dagegen [- dass sich Science Fiction als legitimer Teil der Literatur erweist]; es ist keine Frage des wissenschaftlich-technischen Denkens oder gar des Genres, sondern des literarischen Unvermögens. Schlechte SF-Schreiber wären mit Sicherheit ebenso schlechte Autoren in anderen Genres. Ich vermute, daß mancher sich in der Sicence-Fiction versteckt, weil er anderswo zu schnell als Scharlatan entdeckt würde.“ (S.6) An diesem Zitat von Gert Prokop lässt sich bereits erahnen, dass sehr oft eine amüsant spitze Feder geführt wird, die pointiert Sichtweisen zusammenfasst, die für den Diskurs um den Stellenwert der aufstrebenden Phantastik bezeichnend sind.
Bei all den Artikeln zum Selbstverständnis der phantastischen Literatur – i.d.R. zusammengefasst unter dem wiederkehrenden Titel „Hundert Zeilen über SF“ – kommen auch SF-Erzählungen selbst nicht zu kurz, sei es Gottfried Meinholds „Liana Halwegia“, Ralf Krohns „Der Arzt“ oder die amüsante und kurzweilige Geschichte von Ágnes Hosszu „Hermann, das Hermelin“, um nur einige wenige zu nennen.
Hermann Ley liefert in „George Orwells ambivalente Apotheose auf 1984“ einen durchaus kontroversiell zu diskutierenden Ansatz einer Interpretation von Orwells Klassiker. Zuerst befremdlich in einer fast polemischen Art gehalten, erschließen sich bei wiederholter Lektüre einige sehr interessante Ansätze der Auslegung des orwellschen Textes.
Am Schluss des Bandes angelangt wird das in ‚Lichtjahr 2‘ begonnene Verzeichnis der in der DDR publizierten SF fortgesetzt, was einen wertvollen Fundus für alle diesbezüglich literarisch Interessierten darstellt. Auf diese Art und Weise findet man unzählige Verweise auf Romane, Erzählungen, Folgeliteratur ausgezeichnet aufgearbeitet und immer wieder für eine Aha-Erlebnis gut.

Fazit: Interessiert man sich für SF im Allgemeinen und SF aus dem Bereich der DDR im Speziellen, kommt man immer mal wieder mit einem der zahlreichen Autoren, welche in diesem Band ihren Beitrag leisten, in Berührung. Dabei hebt ein spezielles Faktum ‚Lichtjahr 3‘ etwas heraus: hier liest man nicht alleine einige Werke jener Autoren, was per se schon reizvoll ist, sondern es kommen eben diese Schriftsteller zu Wort, um einen Einblick in ihr höchst individuelles Verständnis von phantastischer Literatur im weitesten Sinne zu geben.

Zum Buch: Schon der Schutzumschlag des mit seinen Abmessungen ohnehin etwas extravaganten Buches macht neugierig. Neben den wunderschön gestalteten, größtenteils mehrfarbigen Illustrationen, findet auch die Typografie ein breites Spektrum an Ausprägungsformen. Bild und Text gehen dabei Hand in Hand, einander ergänzend, um dem Leseerlebnis einen Unterbau auf Basis der bildnerischen Kunst zu geben, ohne dass sich diese aufdrängt. Drucktechnisch und buchbinderisch – Stichwort: Fadenheftung – gibt es am gesamten Band nichts zu bemängeln, so dass es sich um einen nicht nur des Inhaltes wegen lesens- und sammelnswerten Band der SF-Geschichte handelt. So meint etwa Arkadi Strugatzki: „Phantastik ist kein Thema, sondern eine Denkweise.“ (S.175) und fasst damit prägnant eine Vielzahl von literarischen Annährungen an die SF in diesem Band und generell in der phantastischen Literatur, welche in der DDR – und nicht nur dort – publiziert wurde, zusammen.

Buchdaten:

  • Titel: „Lichtjahr 3“
  • Umfang: 280 Seiten
  • Verlag: Das Neue Berlin; Auflage: 1. Auflage (1. Januar 1984)
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 409-160/149/84 LSV 7900
  • Größe: 21,2 x 19,2 x 2,5 cm

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