Visionen der atomaren Apokalypse

By | 9. September 2013

"Neutron und andere Visionen der Apokalypse" - Jean-Pierre Andrevon„Dieses Buch ist die logische Fortsetzung der idiotischen Macht- und Einschüchterungspolitik von heute. Bleibt nur zu hoffen, daß die hier geschilderten Konsequenzen Science Fiction bleiben!“ (Umschlagtext)

Zum Inhalt:

Man muß daran denken: Die Erzählung beschreibt nicht das Danach, die Welt nach dem Erstschlag. Sie beschreibt anhand einiger Personen das zermürbende Leben mit der Angst. Der subtilen, alle Zukunftspläne ad absurdum führenden, krankmachenden Angst vor dem Tag Null. Keiner will ihn erleben und schon gar nicht überleben. Zu tief haben sich die Bilder von Hiroshima, von den unzähligen Bombentests und ihren Relikten, von Leukämiekranken, Missgebildeten, Strahlentoten in de Gehirne der „zivilisierten“ Menschen gebrannt. Da ist es schon besser bei den ersten Anzeichen der Katastrophe den Abzug selber zu betätigen… Aber was wenn es ein Fehlalarm war?

Im Herzen der Bombe: Was hält einen in den Weiten der Zerstörung versprengten Geist davon ab in Wahnsinn zu verfallen: die Erinnerung an eine verklärte Liebe vor der Zeit der alles umfassenden Vernichtung. Aber ob dies auf Dauer ein Lebenselexier sein kann, das die Grundlage des Weiterlebens bildet bleibt fraglich…

Die Haut eines Hundes und die Augen einer Frau: Herblock ist ein Überlebender. Vielleicht der einzige. Zu ihm gesellt sich eine Zufallsbekanntschaft: ein Hund. Gemeinsam geben sie sich physischen und psychischen Halt in einer Welt, die aus den Fugen geraten, rund um sie herum zerbrochen ist. Als sie auf ihrer Wanderschaft und der Suche nach Unterschlupf und Essen in ein Tal mit sagenhaft üppigen Obstbäumen gelangen, scheint ihre kleine Welt fast perfekt zu sein; bis zu jenem Tag als Herblock während eines Spazierganges ein Haus entdeckt, das eine Frau bewohnt…

Wie ein einsamer, flüchtiger Stern: Croche ist ein Mutant. Einer von vielen nach dem Fall der Bombe, aber einer der wenigen, die älter als ein paar Monate werden. Geboren mit einer Begabung, die ihm zum einen die Fähigkeit verleiht in die Gedanken der Menschen einzudringen und sie so zu verstehen, und zum anderen telekinetische Fähigkeiten, die ihn zum Überleben in einer feindlichen Welt befähigen. Feindlich, das sind v.a. die „normalen“ Menschen, welche Ausgeburten wie Croche töten. Croche ist fasziniert von den Sternen. Von der fixen Idee beseelt eines Tages dorthin zu gelangen, kann er durch seine telekinetischen Fähigkeiten und die Informationen, die er von seinem Vater, einem ehemaligen Physiker, erhielt, den Prototypen einer Rakete aus dem Abfall der einstigen Zivilisation bauen. Zu den Sternen zu gelangen ist jedoch eine ganz andere Herausforderung, als die Reise nur zu erträumen…

Essen!: Wer als erster durch die eventuell noch funktionierenden Maschinen aus dem Cryoschlaf nach der Katastrophe geweckt wird hat es … gut. Wer diesen Luxus nicht hat, der endet auf den Tellern der Überlebenden…

Das gesamte Gedächtnis der Welt: Eine weitere Vision der Welt danach. Die Menschen haben sich in kleineren Ansiedlungen zusammengerottet und versuchen ihre Bedürfnisse mit dem zu decken, was der karge Boden Jahrzehnte nach dem Untergang abwirft. Um eine funktionierende Gesellschaft aufrecht zu erhalten, haben es die Reiniger übernommen, alle Erinnerungen an die Welt davor, die Welt der Alten, der Wahnsinnigen zu vergraben, zu zerstören, wo immer sie ihrer gewahr werden. Die jüngere Generation jedoch ist fasziniert von den Überlieferungen, dem Verbotenen und muss mit den Folgen aus diesem Interesse leben: der Verbannung aus ihrer Gesellschaft… doch einmal erlangtes Wissen lässt sich nicht leugnen und trägt Früchte, wenn auch im Stillen….

Die langen Ferien: Eine Utopie des Lebens danach, in der ein Mann und eine Frau von menschenähnlichen Wesen paradiesisch verwöhnt werden. Es bleibt jedoch der Stachel in der Seele, dass ihnen jegliche Erinnerungen an das Davor nur in alptraumhaften Visionen zugänglich zu sein scheint.

Das Fenster: Das Leben im Fenster wiederholt sich. Auf verstörend angenehme Weise ist dies eine tägliche Routine… bis das Fenster im Bunker am Abend vor dem zu Bett gehen ausgeschaltet wird… wie jeden Tag.

Neutron: Dies ist eine der etwas längeren, ausführlicheren Erzählungen in diesem Band und liest sich wie ein Drehbuch zu einem Film. Des öfteren werden auch Fingerzeige auf klassische Endzeitfilme gegeben, die sich speziell mit dem Thema des atomaren Holocaust beschäftigen. Dementsprechend wenig Originelles oder Neues lässt sich hier finden. Die beschriebenen Charaktere umfassen einen breiten Querschnitt durch verschiedenste Gesellschaftsschichten und Randgruppen, deren Mechanismen die Katastrophe zu verarbeiten kaleidoskopartig inszeniert werden.

Fazit: In den 9 Erzählungen kehren zugegebenerweise sehr oft die gleichen oder ähnliche Metaphern wieder, wobei sich die meisten mit dem ‚Was kommt danach‘ beschäftigen. Die Frage, was kann die menschliche Psyche aushalten, welche Arten des geistigen Überlebens entwickelt sie und wie folgt ihr die Physis, drängt immer wieder an die nur scheinbar glatte Oberfläche stilistisch ausgefeilter Textpassagen. Düstere Fiktionen, hoffnungsvolle Wortlandschaften, sowie brüchige Gedankenbrücken laden immer wieder zu neuen intellektuellen Aufbrüchen ein, die zu unser aller Glück bis heute nur Fiktionen blieben… jedoch mit dem Potential sich jederzeit manifestieren zu können. Allein dies hebt die eindringlichen Kurzgeschichten über reine SF hinaus, zu einer unangenehmen Berührung mit den 20-Uhr Nachrichten unseres Alltags.

Zum Buch: Das überraschend gut verarbeitete Taschenbuch präsentiert sich in einem vom Atelier Ingrid Schütz (München) gestalteten Umschlag dessen Bild Jim Burn erstellte. Leider hat die Darstellung nichts mit dem Inhalt gemein und verleitet eher dazu an eine klassische Raumschiff-SF zu denken, was nur der Untertitel ein wenig zu verhindern mag – nicht zuletzt ist Jim Burns auch eher als Illustrator von Weltraum-SciFi bekannt. Schriftbild, Druck und Satz lassen keine Wünsche offen, auch die Papierqualität ist für eine Taschenbuch dieser Preisklasse akzeptabel. Die Textgestaltung unterstreicht / untermalt im wahrsten Sinne des Wortes den Fluss der Erzählung, was besonders im Kapitel 13 / S.52 der Erzählung „Man muß daran denken“ ersichtlich wird

Buchdaten:

  • Titel: „Neutron und andere Visionen der Apokalypse“
  • Autor: Jean-Pierre Andrevon
  • Verlag: Heyne
  • ISBN-10: 3453010167
  • ISBN-13: 978-3453010161
  • ASIN: B0020HFF3S
  • Größe und/oder Gewicht: 17,8 x 11,4 x 2 cm

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