von der Tragik des Getriebenseins

By | 14. August 2015

"Die Kreuzersonate" - Leo N. Tolstoi„»Darin liegt zugleich die Rettung und die Strafe des Menschen: Wenn er verkehrt lebt, so kann er sich etwas vortäuschen, so daß er das Furchtbare seiner Situation nicht sieht.«“ (S.53)

Zum Inhalt:

Wie bei vielen interessanten Texten stellt eine längere Reise den Rahmen für das literarische Gemälde, das Tolstoi in seiner Novelle malt. Bereits zu Beginn, quasi als Initialzündung, steht ein Disput über die Stellung der Frau in der Gesellschaft im Allgemeinen, sowie in der Ehe und Beziehung zum Mann im Speziellen. An diesem Punkt hakt Posdnyschew, ein eloquenter Mitreisender, ein.

Er artikuliert plakativ, ausführlichst und mit dem Brustton der Überzeugung seine, ihm als allgemeingültig erscheinenden Lebenserfahrungen. Dies führt dazu, dass sich das Abteil mehr und mehr lehrt. Schließlich sieht sich der Erzähler mit Posdnyschew in einer überaus intimen Erzählung, ja fast rechtfertigenden Beichte, in dem durch die Nacht ratternden Zugabteil reisend.

Die überaus detailierten Schilderungen aus dem Leben Posdnyschews breiten das ernüchternd triste Bild eines von Eifersucht getriebenen und Ehekonflikten aufgezehrten Menschen aus, der in letzter Konsequenz selbst den Mord an seiner Frau, auf den Verdacht der Untreue hin, noch ethisch für sich zu exkulpieren vermag. Doch trotz aller epizyklisch anmutenden Rechtfertigungskonstrukte, bleibt Posdnyschew nur der schale Geschmack des Scheiterns auf ganzer Länge, kaschiert durch eine rigid moralisierende Ethik.

Fazit:

Desillusioniert, zutiefst verletzt und gebrochen präsentiert Tolstoi seinen Hauptcharakter in dieser meisterhaft angelegten Novelle um Moral, Lebenssinn, Ehe und entfernt auch Religion. Sozialhistorisch, sowie literarisch gleichermaßen faszinierend entwirft er aus dem groben Stoff des Posdnyschew das fein ziselierte Fachwerk eines Weltengebäudes, welches über weite Strecken – schenkt man seinem später verfassten Nachwort glauben – auch sein eigenes wiederspiegelte.

Zum Buch:

Der dicht aus der Linotype-Aldus-Buchschrift gesetzte Text liest sich leicht. Die Fadenheftung ist gewohnt stabil ausgeführt und der Einband schlicht, dem Credo der Insel-Bücherei verpflichtet. Einzig der Bedruckstoff dieser Auflage ist etwas grob und neigt zum Ausfasern.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Kreutzersonate“
  • Autor: Leo N. Tolstoi
  • Ausgabe: 96 Seiten
  • Verlag: Insel Bücherei; 71. bis 80. Tausend der Gesamtauflage 1957
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 12 x 0,9 cm

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