Von Indianern, Blechvögeln und wie Cliff Richard fliegen lernte – Rezension zu „Kindheit in Hötting“ von Hubert Flattinger

By | 16. Dezember 2017

Von Indianern, Blechvögeln und wie Cliff Richard fliegen lernte - Rezension zu Kindheit in Hötting von Huber Flattinger„Kindheit!“, sagt Willi. „Eine halsbrecherische Unternehmung, das Ganze“. (S.37)

Zum Inhalt:

Den frech zerzausten Schopf kaum mehr als ein Meter zwanzig über Grund, die Nase stets im Wind der verwinkelten Gassen, die hellhörigen Ohren auf den Grundton seines Hötting geeicht, so schildert Hubert Flattinger die 60er eines Innsbrucker Stadtteils, von herber Rauheit der Kriegsnachwehen bis hin zu prägenden Bildern der großen Leinwand einer modernen Institution, dem Metropol-Kino.

Es sind „… kleine Erinnerungen. Manche fügen sich aneinander, andere stehen für sich allein…“ (S.64), die den Blick verklärt nach innen wandern lassen, ein verträumtes Lächeln – manches Mal gar ein verschmitztes – um die Mundwinkel zaubern. Ebenso wie die Projektionslampen eines Kinosaales zeichnet Hubert Flattinger Bilder an die Wände jener Leinwand, die für jeden aus dieser Zeit ihr eigenes Flair bereithalten, jedoch stets in dem Grundkonsens, den auch die beiden Protagonisten der Erzählung verbindet. Als Unterhaltung ist sie angelegt, die vielschichtige, alle Sinne ansprechende Reise durch enge Lücken in ramponierten Zäunen hinüber zum Nachbarn, entlang des Höttinger Baches, welcher nicht selten die Grenzlinie zwischen den Indianerstämmen und dem Gebiet der Bleichgesichter zu demarkieren scheint.

Beinahe eine Odyssee in der es hieß die Unwägbarkeiten einer durch Krieg verstörten Generation Erwachsener zu umschiffen, ebenso wie mit den Herausforderungen großer Technik klar zu kommen, seien dies nun rauschende Weltempfänger oder testbildgeeichte Fernsehgeräte. Aus dem Meer der Reminiszenzen ragen so erste Schultage, traumatische Frisörbesuche, liebenswerte und zu meidende menschliche Unikate, und nicht zu vergessen Hügel auf deren Wiesen und unter deren Bäumen beim Blick nach oben der blaue Höttinger Himmel schier unendlich schien, voller noch zu entdeckender Wunder und wartender Möglichkeiten.

Fazit:

Einmal mehr stellt Hubert Flattinger ein ungemein feines Gespür, gepaart mit einer nuancierten, ihren Ursprung nicht verleugnenden Sprache unter Beweis. Seine Erzählung weist ihn als einen bodenständig charmanten Erzähler pointierten Schreibens aus, der Bilder mit Sprache – und nicht nur mit dieser – exzellent zu Papier zu bringen vermag.

Flattinger beschönigt nicht. Er belässt jedoch den Erinnerungen ihre Patina. Besonders erwähnenswert ist dabei seine Fähigkeit stets diesseits der Grenze jenes Rubikon zu bleiben, an dessen anderem Ufer die ewig Gestrigen skandieren, früher sei alles Besser und selbst das Schwarz-Weiß-Testbild in Farbe gewesen. Selbst jenen Erlebnissen deren emotionale Härte beinahe jeder aus dieser Generation noch nachempfinden kann, vermag seine schon beinahe schelmisch zu nennende Erzählweise ein wenig ihre Schärfe zu nehmen, so dass letzten Endes ein durchweg positives Bild einer „Kindheit in Hötting“ auflebt.

Aus meiner Sicht ein wunderschönes Werk, jede Leseminute mehr als nur wert!

Zum Buch:

Handwerklich ist der kleine Band aus einer Reihe der Wagner’schen Universitätsbuchhandlung unter dem Titel „Erinnerungen an Innsbruck“ ansprechend gestaltet. Die Verleimung des Buchblockes läßt nichts zu wünschen übrig, der Seitenbedruckstoff ist griffig, jedoch nicht zu dick und der Druck wurde durchgängig klar und kontrastreich realisiert. Besonders angenehm fällt dies in puncto Bebilderung – größtenteils Fotografien aus dem Fundus des Autors – auf, die den Text auflockert, zum Verweilen und man möchte sagen träumerischen Betrachten verführt.

Liebevoll wurde auch das Cover gestaltet mit enger Bezugnahme auf die Inhalte, sowie einem Hauch schelmischer Wehmut ausgedrückt in treffender Bildwahl. Summa summarum ein wunderschönes gelungenes Buch, das Lust auf mehr zum einen aus der Feder Hubert Flattingers und zum anderen aus der Reihe »Erinnerungen an Innsbruck« der Wagner’schen macht

Buchdaten:

  • Titel: „Kindheit in Hötting“
  • Autor: Hubert Flattinger
  • Umfang: 96 Seiten
  • Verlag: Wagner’sche Universitätsbuchhandlung, Auflage: 1 (1984)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 201-7-1010-0001-1
  • Größe: 19,0 x 11,4 x 0,9 cm

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