Wandmalerei – Rezension zu „Allgemeine Theorie des Vergessens“ – José Eduardo Agualusa

By | 21. Juli 2017

Wandmalerei - Rezension zu "Allgemeine Therorie des Vergessens" - José Eduardo Agulausa„Mir wird bewußt, dass ich meine Wohnung zu einem riesigen Buch gemacht habe. Wenn die Bibliothek verbrannt sein wird, wenn ich gestorben sein werde, wird nur noch meine Stimme da sein.“ (S.319)

Zum Inhalt:

Ludovica Fernandes Mano lebt in einem selbstgewählten, vielmehr selbst gebauten Exil. In einer Wohnung hoch über den Straßen Luandas, fernab von den Menschen, die sie im Laufe der Zeit vergessen haben. In der Welt außerhalb ihrer eigenen Wände geht das verworrene Leben weiter; man ist versucht zu glauben ein Leben das mit Ludo und mit dem sie nichts mehr gemein hat. Die Vorzeichen der Geschichte stehen auf Krieg, Gewalt, Zerrissenheit, Entfremdung, naht doch die angolanische Revolution mit Sieben-Meilen-Stiefeln.

Und obwohl Ludo wie es scheint kein Teil dieser Entwicklungen mehr ist, entspinnt sich um sie herum ein Geflecht aus Schicksalen, die weder geografische noch historische Schranken zu zügeln vermögen. Das Leben – oder vielmehr die Leben von weit entfernt Bekannten, dereinst Geliebten, schicksalshaft Verketteten werden in einem Strang verwoben, dessen vorläufiges Ende nach drei Jahrzenten in losen Fasern wieder vor der Tür zu Ludos Wohnung zu liegen kommt.

Fazit:

José Eduardo Agualusa schreibt, seiner Protagonisten Ludo nicht unähnlich, ebenso an Wände – so man ihn lässt. An die Wände des Geistes des aufmerksamen Lesers. Und während man dabei Zeuge der Entstehung einer ebenso verzweigten wie auch geradlinigen Geschichte wird, beginnen die Worte an den Wänden zu leben. Sie gebären nicht lediglich Figuren einer guten Erzählung. Es sind wahrhaft Menschen denen Agualusa durch seine narrative Kunst Leben, Kontur, Freude, Tragik, eben eine dem Fluss einer gleichgültigen Geschichtsschreibung entrissenen Einmaligkeit verleiht.

Beschönigende Kosmetik ist dem Autor fremd, ebenso wie marktschreierische Effekthascherei. Die 42 grobtextuellen Unterteilungen des Romans in so etwas wie Kapitel nimmt sich fast grenzwertig aus und doch gelingt ein Text aus einem Guss, ähnlich einem Mosaik, das mit dem Überblick, dem Abstand während der Lektüre an Klarheit, Farbenpracht und Stimmigkeit gewinnt. Eine klare Trennung findet sich hierbei auch zwischen Elementen der Erzählung und Additiva wie erklärenden Kapiteln zu z.B. „Ortsnamen“, „Begriffe und Personen“.

Zum Buch:

Der Schutzumschlag, primär in Rottönen gehalten, sticht als erstes ins Auge, wenn man den sehr gut verarbeiteten 198seitigen Band in die Hand nimmt. Die festen Buchdeckel umschließen stabil verbundene Seiten des Buchblockes, der oben und unten von einem rosafarbenen Kapitalband abgeschlossen wird – man mag zu Rosa stehen wie man will, aber hier passt es 🙂 . Typografisch muss man sich damit abfinden, dass auf Anführungszeichen verzichtet und dafür viel mit Schriftschnitten gearbeitet wird. Sehr hilfreich sind die auf Vorsatz und Innenseite der Deckel gedruckten vereinfachten Landkarten zu den Schauplätzen der Handlung.

Buchdaten:

  • Titel: „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“
  • Autor: José Eduardo Agualusa
  • Umfang: 198 Seiten
  • Verlag: C.H. Beck; Auflage: 1 (2017)
  • Sprache: Deutsch
  • SBN-13: 978-3-406-71340-8
  • Größe: 19,7 x 13,2 x 4,5 cm

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One thought on “Wandmalerei – Rezension zu „Allgemeine Theorie des Vergessens“ – José Eduardo Agualusa

  1. Infraredhead

    Ein wirklich großartiger Roman! Ich habe schon sehnsüchtig auf den Erscheinungstag gewartet, damit ich meine begeisterte Rezension mit meinen Mitmenschen teilen kann. Liebe Grüße!

    Reply

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