Was in der Zeitung steht – Rezension zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“– Heinrich Böll

By | 1. September 2018

Was in der Zeitung steht – Rezension zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum"– Heinrich Böll„Es wird nie mehr so sein, nie mehr. Sie machen das Mädchen fertig. Wenn nicht die Polizei, dann die ZEITUNG und wenn die ZEITUNG die Lust an ihr verliert, dann machens die Leute.“ (S.54)

Zum Inhalt:

Der renomierte Anwalt Blorna und seiner Gattin Trude beschäftigen seit einigen Jahren Katharina Blum als Haushaltsangestellte und sind von ihrer pragmatischen, bodenständigen und grundehrlichen Art die Agenden des Hausstaates zu führen begeistert. Durch ebendiese Eigenschaften gelingt es Katharina auch ein bescheidenes Vermögen in Form einer Eigentumswohnung und einen Volkswagen zu finanzieren.

Dabei ist Katharina kein unbeschriebenes Blatt, war sie doch bereits einmal unglücklich verheiratet, kehrte mit 19 der katholischen Kirche den Rücken und meidet in der Regel jedwede neue männliche Bekanntschaft. Einzig Ludwig Götten vermag es sie für sich zu gewinnen. Die Crux ist: Götten wird polizeilich gesucht. Sie verhilft ihm aus ihrer Wohnung zur Flucht vor den Behörden, was sie automatisch ins Visier derselben rückt.

Genau das sind die Gegebenheiten, aus denen sich in der ZEITUNG der mit allen schmuddeligen Wassern gewaschene Reporter Tötges seine reißerischen Geschichten zurechtzimmert. Kein Mittel ist ihm dabei zu schäbig und auch vor der sterbenskranken Mutter Katharinas macht er mit seinen „Recherchen“ nicht halt, was in Folge den Tod der alten Frau nach sich zieht. Stück für Stück reimt er sich die Geschichte zusammen, manipuliert öffentliche Meinungen, ruiniert Ruf und Ehre der Blum, nicht gewahr, dass er nicht nur eine rote Linie dabei überschritten hat.

Katharina Blum beschließt schlußendlich den Spieß umzudrehen und Tötges bei seinem Ego zu packen. Im Versprechen eines Exklusivinterviews verabredet sie sich mit ihm in ihrer Wohnung, wo sie ihn erschießt und so „ihre Selbstachtung und ein Stück ihrer »verlorenen Ehre« zurückerlangt.“1)

Fazit:

Unzählige Interpretationen sind über den Text Heinrich Bölls schon verfasst worden und so ist diesem Band aus dem Verlag Kiepenheuer & Witsch hoch anzurechnen, dass neben der Novelle / Erzählung selbst eine erkleckliche Anzahl der unterschiedlichsten Materialien zur Textauslegung resp. -bewertung beigelegt wurden. Nicht nur lobende Stimmen, auch harsche Kritik findet so ihren Platz und nicht zuletzt eine Bewertung – wenn man so will – des Autors selbst in einem Abstand von 10 Jahren seit des Verfassens.

Der Klappentext fasst dies wie folgt zusammen: „Heinrich Bölls Erzählung […] von 1974 hat ihre Aktualität nie verloren. Eher ist es Zeit, ein Resümee der literarischen und politischen Wirkungen zu ziehen, die dieses denkwürdige Buch gehabt hat. Aus diesem Grund enthält die vorliegende Ausgabe eine Reihe von mittlerweile historischen Zeitungsartikeln, Rezensionen und Interviewtexten, die besonders Schülern, Lehrern und Studenten einen großen Dienst erweisen werden.“

Wollte man die Aussage auf einen Nenner bringen, so müsste man dies mit Bölls Worten wie folgt versuchen: „Die Moral in diesem Falle wäre: Lest mit äußerstem Mißtrauen Zeitungen, alle.“ (S.240, Interview von Dieter Zilligen für NDR, Fernsehen III. Programm, Bücherjournal, 19.10.1974)

Zum Buch:

Die imprägnierten Buchdeckel des Paperback umschließen einen solide verleimten Buchblock aus griffigem Seitenbedruckstoff, wobei die Umschlaggestaltung aus der Hand von Manfred Schulz (Köln) stammt und die Atmosphäre des Textes treffend widerspiegelt. Die Farbgebung des Titels ist etwas gewagt und gewöhnungsbedürftig, stört aber auch nicht. Für die Typografie wurde die Schrift  größer als üblicherweise für einen Fließtext gewählt, was einem zügigen Lesefluss zugute kommt. Ansonsten hält sich der Satz mit der Verwendung typografischer Stilmittel zurück, nur die Grobunterteilung des Textes unterstreichend. Drucktechnisch hat der Leser ein sauber ausgeführtes Druckbild vor sich, welches sich keine Blößen gibt. Ein handwerklich ausgewogen hergestelltes Buch.

Buchdaten:

  • Titel: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“
  • Autor: Heinrich Böll
  • Umfang: 290 Seiten
  • Verlag: Verlag Kiepenheuer & Witsch
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-462-016407
  • Größe: 19,0 x 12,1 x 1,5 cm

1.) „Kindlers Neues Literaturlexikon“, Bd. 2, 1988/1998, S.854f, Dr. Klaus Hübner

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