Wasserträger, Schätze und Untote…

By | 7. April 2014

"Sagen aus der Alhambra" - Washington Irving„Ein feiner Blick für die gesellschaftlichen Eigentümlichkeiten der Nationen zeichnet ihn [den Autor] aus, und zu dieser Beobachtungsgabe gesellt sich ein graziöser Humor, der die grellen Tinten vermittelt und lebensvolle Farben über seine Darstellung ausstreut.“ (S.62 – Nachwort)

Zum Inhalt: Drei Sagen fast die Ausgabe aus der Condor-Bibliothek zusammen. Der nordamerikanische Autor Washington Irving (3. April 1783 in New York; † 28. November 1859 in Sunnyside, Tarrytown) schildert in liebenswürdiger Anmut Historien aus dem Leben, Hoffen und Wünschen unterschiedlichster Charaktere und der verschiedensten gesellschaftlichen Provenienz.

„Sage von des Mauren Vermächtnis
Der von seinen Mitmenschen stets als fröhlich und sehr umgänglich wahrgenommene Wasserträger Pedro Gil versucht mit seinem Gewerbe den Unterhalt für seine Familie zu erarbeiten und erfreut sich der kleinen Schönheiten im Leben, wie eines schönen, sonnigen Tages, eines Liedes oder dem Gewusel seiner Kinder, wenn er Abends nach Hause kommt. Im Zuge seiner Arbeit findet er eines Nachts einen schwer verletzen Mauren am Wegesrand. Als guter Christ und Mensch nimmt er ihn bei sich auf und versucht ihn gesund zu pflegen, jedoch vergebens. Der Maure vermacht ihm aus Dankbarkeit im Sterben eine Schriftrolle und eine Kerze. Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um einen Zauber, welcher versteckte Schätze für den Eigentümer der Rolle sichtbar macht. Zusammen mit einem maurischen Verkäufer, welcher die Schrift auf dem Pergament entziffern kann wird er auch tatsächlich fündig, worauf hin die beiden beschließen, die Sache vorerst für sich zu behalten. Leider bleibt es bei dem Vorsatz, denn sowohl die geschwätzige Frau von Pedro, als auch der neidische Barbier in der Nachbarschaft, wie auch der raffgierige Alcalde – die spanische Bezeichnung für den Gemeindevorsteher – machen dem einen Strich durch die Rechnung. Der Maure und Pedro sehen sich vor Gericht gezerrt und ihres Schatzes so gut wie beraubt. In seiner Verblendung durch die schiere Menge an Gold und Edelsteinen, die im Versteck unter einem Turm in der Alhambra liegt, bemerkt der Alcalde mit seinen Schergen erst zu spät, dass er vom Mauren und Pedro überlistet und mittels des Zaubers an eben diesem Ort eingesperrt wird. Pedro kommt mit seinem Freund überein, die Gegend zu verlassen und sie beginnen jeder für sich ein prächtiges neues Leben an einem anderen Ort, an dem sie niemand kennt.

„Die Sage von der Rose der Alhambra“ oder „Der Page und der Falke“
Philipp V macht mit seinem Hofstaat Halt in der Alhambra. Im Gefolge des Monarchen befindet sich auch der Lieblingspage der Königin Ruyz de Alarcon. Diesem entwischt bei einer Jagd der Falke seiner Gebieterin, wodurch er sich gezwungen sieht, das Tier von einem nahe gelegenen Turm holen zu müssen. Einlass in den Turm gewährt ihm eine ebenso junge wie hübsche Frau, die Nichte eines Offiziers, der im Krieg gefallen war und die hier nach dem Verlassen des Klosters in dem sie aufgezogen worden war, unter der strengen Aufsicht ihrer Tante Fredegonda weilt. Um den Turm aus der Zeit der Mauren rankt sich eine Geschichte, derzufolge drei Prinzessinen dort gelebt hatten. Zwei von ihnen konvertierten zum Christentum, gingen mit ihren Freiern, eine jedoch verließ der Mut und sie blieb in dem Gewölbe, dazu verdammt dort verharren zu müssen, bis ihr Bann gebrochen würde. Der Page unterdessen nimmt den Falken mit, lässt jedoch sein Herz bei der jungen Jacinta – so der Name der Nichte. Als sie weinend in ihrem Liebeskummer am Brunnen im Turm sitzt erscheint ihr eben jene dritte Prinzessin Zorahaydas, offenbart ihr, dass sie mit ihr verwandt sei und wie sie den Bann lösen könne, um sie zu befreien. Jacinta verhilft ihrer Ahnin zur Freiheit und erhält deren silberne Harfe als Geschenk. Die junge Jacinta, ohnehin schon mit einer wunderschönen Stimme und einer Begabung für die Musik gesegnet wird nun über die Grenzen der Alhambra hinaus durch ihrem wundervollen, seelenheilenden Gesang und ihre Musik bekannt. Die Berater Philipp V., dessen krankhafte Schwermut ihm und den seinen schwer zu schaffen machen, schicken nach Jacinta, um ihrer Musik die Chance zu geben die Seele des Monarchen zu heilen. Es gelingt ihr und obendrein findet sie hier auch ihren Ruyz de Alarcon wieder.

„Sage von den zwei verschwiegenen Statuen“
Lope Sanchez arbeitete in den Gärten der Alhambra und ist ein fideler, munterer Zeitgenosse. Während einer Festlichkeit findet seine kleine Tochter Sanchita einen Talisman aus imprägniertem fossilem Holz in Form einer Hand. Wie sich herausstellt, handelt es sich um ein Artefakt, welches einen Schatz offenbart, dessen Geheimnis von zwei Statuen in Frauengestalt unter der Alhambra gehütet wird. Nach der Überwindung der ein oder anderen Widrigkeit, v.a. in Form eines raffgierigen Mönchs, kann Lope Sanchez mit seiner Familie und dem aufgefundenen Schatz in eine andere Gegend ziehen und dort ein angenehmes Leben mit den seinen führen.

Fazit: Washington Irvings profundes Quellenstudium fließt erlesbar in die 3 Kurzprosastücke in diesem Buch ein und vermittelt auf stilistisch sehr schöne Art und Weise eine intensive Erfahrung in Sachen spanischer Geschichte mit einem speziellen Blick auf den Einfluss der Mauren. All dies verpackt in die leicht lesbaren, teils fein humoristischen Geschichten rund um das „gemeine“ Volk, dessen tägliche Bedürfnisse, mythologische Weltsicht und dem stets präsenten Konflikt von christlicher und maurischer Weltsicht und Wertordnung. Eine sehr bezeichnende Aussage über das Schreiben, wie es Irving pflegte findet sich im Nachwort: „Besonders bei Lesern, die in Werken der Dichtkunst nicht auf packende Sensationen aus sind, um sich mittels ihrer über Leben und Alltag hinwegzusetzen, sondern an poetischen Schöpfungen vielmehr am höchsten jenen Reichtum und jene Fülle ausgeglichenen Menschentums bewerten, das gerade dieses Leben und diesen Alltag mit Liebe und Humor gestalten und zu meistern versteht.[Dort wird v.a. die Perzeption Irvings im Vergleich und / oder Ggs. zu Poe oder Cooper stattfinden.]“ (S.61)

Zum Buch: Der Band mit der internen Nummer 20 stammt, wie auch die 9 anderen in dem Kartonschuber, von einem Flohmarkt. Die Seiten sind etwas vergilbt, sowie das Papier von minderer, stark faseriger Qualität. Die Verleimung jedoch ist noch einwandfrei intakt, wenngleich der Buchrücken stark berieben ist. In diesem Band ist der Druck, welches von der Druckerei Elbemühl in Wien IX ausgeführt wurde, etwas besser als in den vorangegangenen Bänden, jedoch nach wie vor nicht sonderlich gut.

Buchdaten:

  • Titel: “Sagen aus der Alhambra”
  • Autor: Washington Irving
  • Ausgabe: 62 Seiten
  • Verlag: Apollo Verlag Lindau (ca. 1947)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 17 x 12,5 x 0,4 cm

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