Wen die Welt zerbricht – Rezension zu „In einem andern Land“ – Ernest Hemingway

By | 25. August 2018

Wen die Welt zerbricht – Rezension zu „In einem andern Land“ – Ernest Hemmingway„Wenn Menschen so viel Mut auf die Welt mitbringen, muß die Welt sie töten, um sie zu brechen, und darum tötet sie sie natürlich.“ (S.194)

Zum Inhalt:

Als Freiwilliger dient der junge amerikanische Leutnant Frederic Henry während des 1. Weltkrieges im italienischen Sanitätskorps. Er wird bei einem Fronteinsatz am Bein verletzt, kann sich jedoch im Lazarett erholen und verliebt sich in die englische Krankenschwester Catherine Barkley. Die beiden lernen sich näher kennen und vor allem schätzen, fassen den Beschluss sich gegenseitig zu heilen, den beiden sind seelische Verletzungen nicht fremd, und scheinen den jeweilig Seelenverwandten gefunden zu haben.

Im Herbst 1917 brechen die deutsch-österreichischen Truppen durch die Linien der Verteidiger und Frederic muss mit seinen Kameraden den Rückzug antreten. Durch schicksalhafte Unwägbarkeiten wird seine Truppe geteilt. Die Verbliebenen versuchen sich auf sicheren italienischen Boden durchzuschlagen, wobei Kameraden sterben und Frederic beinahe erschossen wird, als er fälschlicherweise als Deserteur verhaftet wird.

Nach gelungener Flucht vor den italienischen Häschern beschließen Frederic und Catherine sich, des Krieges mehr als nur müde, in die Schweiz auf neutralen Boden abzusetzen, um ihrem Glück zu dritt eine Chance zu geben. Anfänglich lässt sich die Ausführung des Planes gut an. Es gelingt das Übersetzen in die Schweiz vorbei an den Grenzern der Italiener und beinahe, aber eben nur beinahe, könnte man Hoffnung schöpfen in dieser chaotischen Zeit. Catherine gebiert ihren Sohn tot, verstirbt selbst im Kindbett und lässt einen gebrochenen jungen amerikanischen Deserteur in einem andern Land inmitten einer zerbrechenden Welt zurück.

Fazit:

„A farewell to arms“, so der Titel der amerikanischen Originalausgabe, trifft den zentralen Strang des Romans – aus meiner Sicht – wohl um einiges besser als jener der deutschen Fassung, „In einem andern Land“. Jerôme von Gebsattel schreibt dazu: „Auf die zentrale Bedeutung der vor dem Hintergrund des Krieges sich entwickelnden und endenden Beziehung deutet bereits das Motto hin, das Hemingway dem Roman vorangestellt hat: »Bernardine: Thou hast commited – Barabas : Fornication: but that was in another country, and besides the wench is dead.« (Christopher Marlow, The jew of Malta), ein Motto, dem der Titel der deutschen Ausgabe entnommen ist.“1)

Der Grundtenor der Sinnlosigkeit von Krieg, Barbarei, ja der Illusion dem entfliehen zu können – sei es nun geografisch oder emotional –, welchem sich Hemingways Helden immer wieder stellen müssen, klingt auch in diesem Text durch. Seinem Stil bleibt der Autor durchgehend treu: kurze prägnante Sätze, beinahe die Realität in ihrer Schnörkellosigkeit sezierend, lassen den Leser mit der Ohnmacht das Beobachters, das Ende erahnend, miterleben, wie die Protagonisten an einer gleichgültigen Welt zerschellen, durch die Welt getötet werden – nicht nur physisch –, egal welchen Mut sie auch aufbringen.

Es ist kein Buch mal eben für zwischendurch zur Unterhaltung. Nicht von ungefähr kam seinerzeit der Erfolg des Textes, in dem sich die Generation der um 1900 geborenen in der Person des Frederic Henry nicht selten verstanden fand. Die fast schon an ein Stakkato anmutende Schilderung von Kriegsalltag, dem Versuch hinter alle dem Sinn zu finden, der rohen Herausarbeitung der Charaktere, und all dies meisterhaft in Szene gesetzt auf dem Hintergrund einer zumeist atmosphärisch dichten Kulissenschilderung, lässt erahnen, warum der Text zu recht als „klassisch“ bezeichnet wird.

Zum Buch:

Der mir vorliegende Band von 1957 ist eine Lizenzausgabe für den Bertelsmann Lesering mit der Genehmigung des Rowohlt Verlages, dessen Einband und Umschlaggestaltung Siegfried Kortemeier schuf. Kortemeier blieb auch hier seinem Ruf, klare, einfache, nahezu minimalistische Formen zu präferieren treu. Die Fadenheftung der schmalen Bünde aus griffigem Bedruckstoff ist handwerklich exzellent ausgeführt und fällt aufgrund der verwendeten Fadenfarbe kaum ins Auge. Bis auf wenige Stellen (siehe hier) ist der Druck kontrastreich, ausrissfrei und sauber. Die typografische Gestaltung orientiert sich an guter Lesbarkeit, nur die grobtextuelle Einteilung hervorhebend. Ein unterm Strich gesehen vom Umschlag bis zum Lesebändchen dezent, jedoch wertig gestaltetes Buch.

Buchdaten:

  • Titel: „In einem andern Land“
  • Autor: Ernest Hemingway
  • Umfang: 256 Seiten
  • Verlag: Bertelsmann Lesering, Rowohl Verlag (1957)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 19,2 x 12,8 x 2,4 cm

1.) „Kindlers Neues Literaturlexikon“, Bd. 7, 1988/1998, S.653f)

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