Wenn einer eine Reise tut…

By | 24. Juni 2013

"Wilde Reise durch die Nacht" - Walter Moers„Das Leben, mein Junge, ist nicht nur eine wilde, schöne Reise. Leben, das heißt auch: dem Tod bei der Arbeit zuzusehen. Das ist das Härteste überhaupt. Das muß man aushalten können. Bist du bereit, das auszuhalten, mein Junge?“ (S.178)

Zum Inhalt:

Kein Geringerer als Gevatter Tod ist es, der – seine Schwester Dementia im Schlepptau – auf dem Schiff von Gustav auftaucht, just in dem Moment als dieses kurz davor steht von einem siamesischen Zwillingstornado in Stücke gerissen zu werden. Verständlicherweise behagt die Aussicht auf ein zeitiges Ableben dem erst zwölfjährigen Kapitän ganz und gar nicht, was ihm nur die bittersüße Alternative eines Handels mit dem Sensenmann offen lässt.

So bekommt Gustave denn auch von seinem Handelspartner eine nicht unerkleckliche Anzahl von Aufgaben aufgebrummt, die zu erfüllen den einzigen Weg darstellt, sein junges Leben nicht zu verlieren. Für’s erste hören sich die Herausforderungen ziemlich abgedroschen an: was ist schon so besonderes am Jungfrauen retten, Riesen verkloppen und Geisterwälder zu durchqueren. Wenn, ja wenn die Jungfrauen und ihre Drachen nicht ein Klitzekleinwenig anders als angenommen, die Riesen von eher akademischem Geblüt und die Geister in einer existenziellen Sinnfindungsphase wären. Dies macht die Aufgaben, zumindest für den Leser, amüsanter, aber für Gustave keinesfalls ungefährlicher.

Diese auf eine Nacht beschränkte Reise führt den jungen Helden auch mit einem relativ – im wahrsten Sinne des Wortes – wandelbaren Charakter zusammen, den er sich so nun gar nicht vorgestellt hatte: der Zeit. Auf ihren Schwingen durchreist er einen Großteil seines facettenreichen Universums, um sich am Ende wieder seinem Auftraggeber gegenüber zu sehen, Rechenschaft ablegend über den Erfolg seiner Unternehmungen in dieser Nacht.

Fazit:

Würde ich behaupten, das Buch wäre ein „typischer Moers“, so wäre dies nicht richtig. Zu wenig der farbigen Sprachvielfalt wie sie etwa in der „Stadt der träumenden Bücher“ oder auch im wesentlich kürzeren „Ensel und Krete“ vorkommt, findet der Leser hier. Bestenfalls könnte man es als eine Studie zu einer wirklichen Moers-Geschichte ansehen. Nichtsdestotrotz ist es eine kurzweilige, wenn auch vom Erzählfluss etwas spröde, Lektüre, die in frecher Art und Weise die großen Themen des Lebens streift: Liebe, Sterben, Zeit und Sinn des Ganzen.

Zum Buch:

Die sieben Bünde des Buches sind als Buchblock gut verleimt und werden durch einen stabilen Einwand umschlossen. Stilistisch sind die Schwarz-Weiß-Bilder im Text ansprechend positioniert und dienen als Anker um die sich die Geschichte rankt. Die Typografie ist lesetechnisch gut gewählt, im Gegensatz zu anderen Büchern Moers, künstlerische aber eher karg, um nicht zu sagen einfallslos.

Buchdaten:

  • Titel: „Wilde Reise durch die Nacht“
  • Autor: Walter Moers
  • Taschenbuch: 224 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442452910
  • ISBN-13: 978-3442452910
  • Größe und/oder Gewicht: 18,2 x 12,4 x 1,6 cm

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