Wertigkeiten – Rezension zu „Der ferne Regenbogen“ von Arkadi Strugazki, Boris Strugazki

By | 4. Februar 2016

Der ferne Regenbogen von Arkadi Strugazki, Boris Strugazki»Der ferne Regenbogen. Unvollendet«“ (S.150)

Zum Inhalt:

Er liegt weit ab von so ziemlich allem, der kleine Planet mit dem hübschen Namen „Regenbogen“. Zu unbedeutend für reißerische Schlagzeilen, aber von zentralem Interesse für eine elitäre Hundertschaft an Wissenschaftlern, die sich verbissen mit dem Problem der Masse-Teleportation beschäftigen. Und dies teils seit einem halben Leben. So verwundert es nicht, wenn man über die wissenschaftlichen Fragestellungen die katastrophalen Folgen der Experimente mit ihren globalen Auswirkungen bagatellisierte oder zur Gänze leugnete. Erst als in Folge eines weiteren Hochenergetikversuches der Physiker zwei Plasmawellen den Planeten überrollen und alles Leben auszulöschen drohen beginnen die Menschen zu handeln. Ein Handeln, das nicht geprägt ist von freier Wahl zwischen Möglichkeiten, sondern jenes von Getriebenen darstellt, die Entscheidungen von existenziellen Ausmaßen für jedes einzelne Leben auf dem Planeten zu treffen haben.

Es steht nur eine Raumfähre zur Verfügung, die allein schon durch ihre Ladekapazität zur Auswahl zwingt. Wer oder was soll die Chance erhalten weiter zu bestehen: die Kinder als Garanten der Zukunft, die Ergebnisse der teils lebenslangen Forschungen, Kunstwerke als kulturelles Vermächtnis? Moralische Dilemmata, die Suche nach einem Überleben in seinem eigenen Schaffen, die drückende Last wertende Entscheidungen treffen zu müssen stellen zentrale gedankliche Labyrinthe dar durch welche die Strugatzkis ihre Leser führen. Beinahe, aber dennoch nicht gänzlich, geht dabei eines der Lieblingsthemen der wissenschaftlich-fantastischen Literatur unter: Wie empfindet ein beinahe „end-„loses, sich selbst bewusstes Wesen seinen Tod, wenn seine Wiederauferstehung bereits feststeht – eine Wiedererstehung in einer toten, vereinsamten Welt.

Fazit:

Die Brüder Strugatzki stehen stets für angenehm lesbare, jedoch keinesfalls oberflächliche wissenschaftlich-fantastische Literatur, was mit diesem Kurztext ein weiteres Mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird. Eine breit gefächerte Palette an menschlichen Reaktionen auf ein bevorstehendes Ende – des Lebens, eines Traums, einer Liebe, einer Vision –  liegen ebenso unter dem literarischen Brennglas, wie die zutiefst moralische Frage nach dem Wert von Leben an sich im Widerstreit mit dem menschlichen Drang nach Wissen. So steht der Regenbogen nicht nur namensgeben für einen geopferten Planeten, sondern auch für die Farben der Leben, für die angesichts einer untergehenden Welt die Sinnfrage allzu oft nur unzureichend beantwortet werden kann. Es ist fast ein „Nebensatz“, der den Kern dabei am treffendsten beschreibt: „An der Orgelbank lehnte ein großes Pappschild, auf dem mit ungelenken Buchstaben geschrieben stand: »Der ferne Regenbogen. Unvollendet«“ (S.150)

Zum Buch:

Das zuerst augenfälligste am 3. Band der SF-Utopia Reihe stellt die allegorische Umschlaggestaltung von Burkhard Labowski und Regine Schulz dar, die bildlich eine aussagekräftige Repräsentanz des Textes liefert. Der Bedruckstoff ist sehr grobfaserig (siehe hier), jedoch ausreichend im Block verleimt. Drucktechnisch sehr einfach gehalten, findet sich der ein oder andere Mängel (siehe hier), jedoch nichts was die Lesefreude nachhaltig trübt.

Buchdaten:

  • Titel: „Der ferne Regenbogen“
  • Autor: Arkadi Strugazki, Boris Strugazki
  • Umfang: 156 Seiten
  • Verlag: Verlag Das Neue Berlin (1981)
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 409-160/146/81 – LSV 7004
  • Größe: 17,7 x 10,8 x 1,0 cm

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2 thoughts on “Wertigkeiten – Rezension zu „Der ferne Regenbogen“ von Arkadi Strugazki, Boris Strugazki

  1. Buchwanderer Post author

    Danke für den informativen Kommentar. Ich wusste von der Gesamtausgabe bis dato noch gar nichts, doch nun steht sie in meiner Bücherwunschliste ganz oben 🙂 . Den Begriff „Powest“ hatte ich in der Tat auch noch nicht gehört. Man(n) lernt eben nie aus. (https://de.wikipedia.org/wiki/Powest)

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  2. Karsten Kruschel

    Ja, das ist ein wirklich großartiger kleiner Roman! Eigentlich eine Powest, aber diesen Begriff kennen heutzutage nur noch Slawisten und beinharte SF-Fans aus dem Osten. Eine von Kürzungen befreite, vollständige Fassung findet man im fünften Band der Strugazki-Werkausgabe bei Heyne, samt hilfreichen Anmerkungen von Erik Simon. – Die Schlußszene mit den vergeblichen Versuchspiloten, die ins Nichts hinausschwimmen, und die Einsamkeit Kamillos werde ich nie vergessen.

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